DuEPublico 2

Dies ist unser neues Repositorium, derzeit für E-Dissertationen und ausgewählte weitere Publikationen. Weitere Informationen...

Schule und bürgerschaftliches Engagement - Lernallianzen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz als Beitrag zu einer aktiven Bürgergesellschaft?

Hugenroth, Reinhild

Schule in Deutschland ist in weiten Teilen immer noch am bürokratischen System orientiert. Die Schule hängt von Entscheidungen des Staates ab. Aber in den letzten Jahren entwickelte sich eine neue Steuerung oder „Governance“ auf der Mikro-, Meso- und Makro-Ebene, die das Erziehungssystem langsam verändert. Schule öffnet sich zum eigenen Umfeld zum Beispiel in der Kommune, zu Jugendorganisationen oder zu Sportvereinen, d.h. zur Zivilgesellschaft. Selbststeuerung von Bildungsinstitutionen wie die Schule war eine grundlegende Idee der Bildungsreform in den 1970er Jahren – soziologisch weiterentwickelt von Eckart Pankoke, der vor allem die Relationen zur Umwelt und die Rückwirkung der Umwelt auf das System als Abgrenzung zur Selbstgenügsamkeit beschrieb. Die zentrale Fragestellung der Dissertation lautet: Wie erfolgt eine Modernisierung mit der Öffnung der Schule nach außen und nach innen? Daher möchte ich der Frage nachgehen, wovon das Engagement in der Schule abhängt und die Hypothese in Mittelpunkt stellen, ob in der Schule Engagement vom Bildungsstand abhängig ist oder von Gelegenheitsstrukturen. Rheinland-Pfalz wurde 2004 als Referenzland herangezogen, weil in diesem Bundesland die „Ganztagsschule in Angebotsform“ etabliert war und Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen zum Ganztagsprogramm gehörten. In Nordrhein-Westfalen dagegen bauten sich ab dem Schuljahr 2003/2004 die Ganztagsschulen erst auf. In den letzten Jahren hat sich Schule aber rasant geändert. So sind in Nordrhein-Westfalen inzwischen die Hälfte aller Hauptschulen Ganztagsschulen. Obwohl die Schulen jener Ort sind, wo bürgerschaftliches Engagement stattfindet und untersucht werden soll, versteht sich diese Dissertation als ein Beitrag zur Engagementforschung, die dem Dritten Sektor und nicht der Schulforschung zugeordnet ist. Umso notwendiger ist es, soziologisch zu begründen, wie diese Kooperation zwischen Zivilgesellschaft und Schule die Rollen in den Schulen verändert und ausgestaltet. Dazu wurde in dieser Arbeit qualitativ geforscht und die Rollen der Interviewpartner genauer untersucht. Die Interviewpartner wurden nach dem „theoretical sampling“ ausgewählt. Dieser Ansatz versucht, den Forschungsgegenstand von innen heraus zu verstehen. Das Verständnis zielt darauf ab, den Interviewten aus dem Blickwinkel seiner eigenen Wirklichkeit und im Kontext seiner relevanten Denk- und Verhaltensmuster holistisch zu betrachten und zu verstehen. Der theoretische Bezugsrahmen bildet die Systemtheorie nach Niklas Luhmann, Uwe Schimank, Thomas Brüsemeister, Talcott Parsons und Dirk Baecker. Um Engagementpotenziale im Erziehungssystem entdecken zu können, wird ein theoretischer Bezugsrahmen herangezogen, der unterrichtliche und außerunterrichtliche Aktivitäten gleichermaßen erklären kann. Dabei diskutiere ich kritisch die These von Niklas Luhmann, dass es kein einheitliches Medium im Erziehungssystem gebe, und schlage eine neue Codierung und Programmierung einer modernisierten engagementfördernden Schule in Anlehnung an Dirk Baecker vor. 2 In der Rekonstruktion der Modernisierungspfade in Nordrhein-Westfalen und Rheinland- Pfalz ist festzustellen, dass Rheinland-Pfalz früher, umfassender und nachhaltiger die Schritte zur Öffnung der Schule gegangen ist. Vor allem die Konzipierung der Ganztagsschulen war dafür ausschlaggebend. Schülerinnen und Schüler sind in der Lage, „Verantwortungsrollen“ nach Helmut Klages zu übernehmen. Diese „Verantwortungsrolle“ ist eine andere Rolle als die „Schülerrolle“. Gilt in der Schülerrolle die asymmetrische Beziehung zum Lehrer, so stellt die „Verantwortungsrolle“ eine symmetrische Beziehung zu allen anderen Akteuren in der Schule her, vor allem in der Rolle des Engagierten. Grundlegend ist, dass alle Akteure in der Schule bewusst in Rollen eintreten und wieder austreten können. „Verantwortungsrollen“ müssen gelernt werden und sollen nicht zur Überforderung oder Unterforderung führen, sondern altersgemäß ausgeführt werden. Dazu ist erforderlich, dass in den Schulen „Gelegenheitsstrukturen“ für „Verantwortungsrollen“ geschaffen werden, um das Schulklima und damit die Lernfreude zu verbessern. Auch durch „Verantwortungsrollen“ werden Schlüsselkompetenzen erworben, wie sie die OECD beschreibt. Gerade die Lebenschancen der Kinder mit niedrigem Bildungsstand können dadurch verbessert werden. Eine weitere und immer noch neue Möglichkeit stellt die umfassende Beteiligung aller Akteure an und innerhalb der Schul-Homepage dar. Der Umgang mit Medien gehört zum Alltag aller Schülerinnen und Schüler. Die Schul-Homepage gewinnt immer mehr an Bedeutung – sowohl was die Information über die Schule als ein Instrument der Öffnung nach außen als auch was die konkrete Mitgestaltung als ein Projekt der Öffnung nach innen betrifft. Hier liegt ebenfalls ein großes Potenzial, um eine partizipatorische Schulkultur zu entwickeln. Die Schul-Homepage kann so zu einem integrativen Instrument der Selbststeuerung von Schulen werden. Zur Öffnung nach innen gehört auch die Elternarbeit. Sie unterscheidet sich je nach Bildungsstand, wie die Aussagen über bürgerschaftliches Engagement im so genannten „Freiwilligensurvey“ belegen. Das Potenzial des bürgerschaftlichen Engagements in der Schule zu erhöhen, ist nicht zuletzt bei den Eltern vorhanden. Neue „Gelegenheitsstrukturen“ wie Elternsprachkurse oder Elternwerkstätten zur Schulentwicklung sind Chancen, die Partizipation der Eltern in allen Schularten zu erhöhen. Aber auch klassische Elternmitarbeit wie Fördervereine kann neu ausgerichtet werden und ein kreativer Ort für die Selbststeuerung von Schulen sein. Engagementforschung sollte nach Helmut Klages immer die Frage nach dem Potenzial von „mehr Engagement“ beinhalten. In den Rollen der Akteure an Schulen kann noch wesentlich mehr an Engagement und Verantwortung für die Schule entfaltet werden, wenn die Rahmenbedingungen dafür stimmen.

School in Germany still orients itself, to a large extent, to the bureaucratic system. School depends on decisions of state administrations. But a new governance has developed on the micro, meso and macro levels in recent years, which is gradually changing the educational system. Schools are opening up to their local environments (e.g., in the communities), to youth organizations or to sport clubs, that is to say, to civil society. The self-governance of such educational institutions as schools was a fundamental idea of educational reform in the 1970s – developed sociologically by Eckart Pankoke, who described the relations to the social environment and its response to the system as a dissociation from self-sufficiency. The central issue of the thesis therefore is how opening school up to external and internal influences would contribute to the modernization of society. I therefore want to examine the factors on which commitment in school relies, and focus on the hypothesis of whether commitment in school depends on educational background or opportunity structures. In 2004, Rhineland-Palatinate was taken as a referential federal state because it had established “optional all-day schools” and cooperation with civil organizations were already part of the all-day program. In North Rhine-Westphalia, however, all-day schools have just been in a state of construction since the school year 2003-2004. By now, one half of all elementary schools in North Rhine-Westphalia are all-day schools. Although school is the place where civic involvement or engagement happens and is supposed to be studied, the thesis submitted is to be understood as a contribution to civic engagement research attributed to the Third Sector, and not to school research. It is therefore necessary to substantiate in sociological terms how this cooperation between civil society and school changes and shapes the roles of pupils and teachers assumed in the schools. To this end, qualitative research was conducted and the roles of interview partners were examined in detail. The interview partners were selected according to the principle of “theoretical sampling”. This approach attempts to understand the research issue from within. The concept aims at observing and understanding the interviewees holistically from the perspective of their own reality and in the context of their thought and behavioral patterns. The system theory of Niklas Luhmann, Uwe Schimank, Thomas Brüsemeister, Talcott Parsons and Dirk Baecker constitutes the referential theoretical framework. In order to identify the commitment potentials in the educational system, a theoretical framework is applied that is capable of equally explaining both curricular and extracurricular activities. In this regard I will critically discuss Niklas Luhmann’s hypothesis that a uniform medium does not exist in the educational system and propose a novel codification and programming of a new commitment-supporting school as suggested by Dirk Baecker. In the reconstruction of the modernization path in North Rhine-Westphalia and Rhineland- Palatinate, the steps have started earlier in the latter, are more comprehensive and sustainable for opening school. The concept of all-day-schools has been the main reason. 2 School pupils are capable of assuming “responsibility roles” according to Helmut Klages. This “responsibility role” differs from the “role of the student”. While an asymmetrical relation to the teacher applies to the role of the student, the “responsibility role” represents a symmetrical relation to all actors in school, particularly the role of a committed person. It is a fundamental feature that all actors in school shall be able to consciously assume and abandon roles. “Responsibility roles” must be learnt and should not result in overexertion or underchallenge, but be executed according to age. For this, it is required that “opportunity structures” are created for “responsibility roles” in order to improve the school’s atmosphere and the motivation of learning. Key competences as described by the OECD are also acquired by “responsibility roles”. Particularly children with low-level education will improve their opportunity structure. Another and still new possibility is the comprehensive participation of all actors in the school’s website. Dealing with media belongs to the everyday routine of all students. The school’s website is gaining more and more significance – concerning both the information about the school as an instrument for opening up to the outside and the concrete co-designing as a project of internal opening. Here lies a great potential for the development of a participatory school culture as well. The school’s website may thus become an integrative instrument of the school’s self-governance. Parental involvement also belongs to a school’s opening up to internal influences. It varies relative to the status of parental education, corresponding to the statements made on civic involvement in the so-called “voluntary survey”. Increasing the potential of civic involvement in school is not the least given by the parents. New “opportunity structures” such as language courses for parents or parent workshops on school development may increase parental participation in all school types. But classical parental involvement such as support associations can be readjusted and also become a creative forum for the self-governance of schools. According to Helmut Klages, commitment research should always include the question concerning the potential for “more commitment”. In the roles of the actors at schools, a lot more commitment and responsibility can be developed, provided that the right framework conditions prevail.

Share and cite

Citation style:

Hugenroth, Reinhild: Schule und bürgerschaftliches Engagement - Lernallianzen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz als Beitrag zu einer aktiven Bürgergesellschaft?. 2010.

Rights

Use and reproduction:
All rights reserved

Export