Förderung des Klassenführungswissens mittels inszenierter Unterrichtsvideovignetten mit Fokus auf nonverbale Klassenführungskomponenten

Eine frühzeitige Förderung der Lehrkräfteexpertise ist in Anbetracht vielfältiger Anforderungen an Lehrkräfte besonders bedeutsam (Kopmann & Zeinz, 2016; Lehr, 2014; Mayer et al., 2017). Die Klassenführung als eine zentrale Komponente des pädagogisch-psychologischen Professionswissens von Lehrkräften (z. B. Baumert & Kunter, 2006; Voss, Kunina-Habenicht, Hoehne & Kunter, 2015) ist aufgrund ihrer vielfältigen Potenziale für gelungenen, möglichst lernförderlichen und dabei belastungsarmen Unterricht maßgeblich von Bedeutung (Hattie, 2009, 2015; Helmke & Schrader, 2010; König & Pflanzl, 2016). Studien zeigen u. a. positive Zusammenhänge gelungener Klassenführung mit dem Wohlbefinden von Lehrkräften (Dicke et al., 2014), der Schülerleistung (Lenske et al., 2016) sowie dem situativen Interesse (Lenske, Wirth & Leutner, 2017). Es scheint daher besonders bedeutsam, eine gelungene Klassenführung bereits frühzeitig zu fördern. Das konditional-prozedurale (handlungsbezogene) Wissen ist dabei u. a. für die professionelle Wahrnehmung klassenführungsrelevanter Unterrichtsaspekte und die Klassenführungsperformanz besonders bedeutsam (König & Kramer, 2016; Kramer et al., 2017), wird jedoch in der universitären Phase der Lehrkräftebildung bislang wenig adressiert (Baer et al., 2011; Petzold-Rudolph, 2018). Insbesondere nonverbale Klassenführungskomponenten könnten für eine gelungene Klassenführung dienlich sein (u. a. Gröschner, 2007; Kosinár, 2012). Sie wurden trotz der Bedeutsamkeit der nonverbalen Kommunikationskomponenten für Kommunikations- und Interaktionsprozesse (Burgoon, Buller & Woodall, 1996; Mehrabian, 1968; Patterson & Manusov, 2006) sowie für Unterrichtsprozesse (z. B. Burroughs, 2007; Lakin, Jefferis, Cheng & Chartrand, 2003; Maulana et al., 2012; Zuckerman, 2007) bislang selten isoliert beforscht. Die Vorteile von videobasierten Trainingssettings für die Lehrkräfteexpertiseförderung, z. B. zur Verbesserung der professionellen Wahrnehmung oder der Selbstwirksamkeitserwartung, wurden empirisch bereits umfassend belegt (z. B. Borko, Koellner, Jacobs & Saego, 2011; Gold, Hellermann & Holodynski, 2017; Sherin & van Es, 2009; Steffensky et al., 2015). Inszenierte Videos bieten dabei besondere Vorteile (Fokussierte Darstellung, Komplexitätsreduktion der multikomplexen Unterrichtssituation, Darstellung von kritischen Unterrichtsereignissen; Gartmeier, 2014; Piwowar, Barth, Ophardt & Thiel, 2018). Die vorliegende Dissertation schließt in fünf Studien an die Befunde zur Relevanz des konditional-prozeduralen Wissens (König et al., 2014; König & Kramer, 2016), zu Potenzialen nonverbaler Kommunikation im Unterricht (u. a. Burroughs, 2007; Lakin, Jefferis, Cheng & Chartrand, 2003) und zum Mehrwert von – insbesondere inszenierten – Videos zur Lehrkräfteexpertiseförderung (Gartmeier, 2014; Piwowar et al., 2018) an und erweitert diese (1) in Hinblick auf lernförderliche Eigenschaften von speziell zum Themenschwerpunkt Klassenführung entwickelten inszenierten Unterrichtsvideovignetten mit besonderem Fokus auf nonverbale Klassenführungskomponenten, (2) um ein neu entwickeltes Testinstrument, die sog. Nonverbal Classroom Management Scale (NCMS) zur Erfassung des konditional-prozeduralen Wissens über nonverbale Klassenführungskomponenten sowie (3) um Evaluationsstudien mit Fokus auf die Trainierbarkeit und Messung nonverbaler Klassenführungskomponenten. Die inszenierten Unterrichtsvideovignetten, die NCMS und die videobasierten Klassenführungstrainingsvarianten wurden in der universitären Phase der Lehrkräftebildung in unterschiedlichen Studien eingesetzt. Als vorbereitende Maßnahme wurden inszenierte Unterrichtsvideovignetten zum Schwerpunkt Klassenführung für die Primar- und die Sekundarstufe I entwickelt, welche die zentralen Strategien eines ausgewählten holistischen Klassenführungsansatzes – dem Linzer Konzept der Klassenführung (LKK, Lenske & Mayr, 2015) – abbilden sollten. Die Videovignetten werden im Rahmen von Studie Ⅰ bezüglich ihrer Eigenschaften für den Einsatz in Klassenführungstrainings getestet, darunter die Sensitivität und Spezifität bzgl. des korrekten Erkennens der in den Videovignetten intendierten Klassenführungsstrategien und nonverbalen Klassenführungskomponenten, die Sensitivität bzgl. des Beurteilens der intendierten Strategien und Komponenten als (eher) gelungen oder (eher) kritisch sowie die empfundene Authentizität, Immersion und Resonanz bei der Videobetrachtung durch Noviz*innen und praktizierende Lehrkräfte. Die Ergebnisse deuten auf hinreichende bis zufriedenstellende Ergebnisse hinsichtlich Sensitivität und Spezifität hin. Die Prüfung von Gruppenunterschieden zwischen Noviz*innen und praktizierenden Lehrkräften ergibt bis auf die Sensitivität bzgl. des Beurteilens der nonverbalen Klassenführungskomponenten keine signifikanten Unterschiede. Gruppenübergreifend zeigen sich zudem eine hohe empfundene Authentizität, Resonanz und Immersion, die als lernförderliche Voraussetzungen gelten (Deci & Ryan, 1985; Seidel et al., 2011). In Studie Ⅱ werden die Videovignetten erstmalig in einem videobasierten Klassenführungstraining im Masterlehramtsstudium eingesetzt und in Hinblick auf ihre Lernwirksamkeit zur Förderung des deklarativen und des allgemeinen konditional-prozeduralen Klassenführungswissens hin untersucht. Dabei zeigt sich erwartungskonform eine signifikante Wissenssteigerung des allgemeinen konditional-prozeduralen Klassenführungswissens, nicht jedoch des deklarativen Klassenführungswissens. Im Anschluss an die Videovignettenevaluation wird der Konzeptionsprozess der NCMS, einer Skala zur Messung des Wissens über nonverbale Klassenführungskomponenten, dargestellt. Die NCMS wird in Studien Ⅲ und ⅠⅤ in ersten Analysen in Hinblick auf ihre Testgüte untersucht. Insgesamt zeigen Item- und Skalenanalysen zufriedenstellende psychometrische Kennwerte. Auch ist die Modellierung der Daten auf Basis der Klassenführungskategorien des LKK (Beziehungsförderung, Unterrichtsgestaltung und Kontrolle) als ein- und zweidimensionales Modell (NVBeziehungUnterricht vs. NVKontrolle) möglich. In Studie Ⅴ erfolgt schließlich die Untersuchung der Förderung des konditional-prozeduralen Klassenführungswissens mit Fokus auf nonverbale Klassenführungskomponenten mittels eines Trainings unter Einsatz der entwickelten Videovignetten. Die Befunde weisen auf einen Wissenszuwachs im konditional-prozeduralen Wissen über nonverbale Klassenführungskomponenten hin, nicht jedoch im allgemeinen konditional-prozeduralen Klassenführungswissen. Zur Überprüfung einer potenziellen Steigerung des Lernerfolgs wurden zwei Trainingsvarianten unter Darbietung der Videos mit Ton und (vorläufig) ohne Ton verglichen, um durch Minimierung eines potenziellen unattended-speech-Effekts den Wissenserwerb zu erleichtern (Salamé & Baddeley, 1982). Der Vergleich der beiden Trainingsvarianten zeigt jedoch keine signifikanten Unterschiede. Insgesamt weisen die Befunde der vorliegenden Arbeit darauf hin, dass die Förderung des konditional-prozeduralen Wissens über nonverbale Klassenführungskomponenten durch dessen reliable und valide Erfassung sowie dessen Trainierbarkeit mittels inszenierter Unterrichtsvideovignetten möglich ist. Sie liefert außerdem weiterführende Erkenntnisse zur Entwicklung lernförderlicher inszenierter Unterrichtsvideos, um eine frühzeitige Förderung der Klassenführungsexpertise zu ermöglichen und damit zu einer Verbesserung der Lehrkräftebildung beizutragen.

An early promotion of teacher expertise is particularly important in view of the diverse demands placed on teachers (Kopmann & Zeinz, 2016; Lehr, 2014; Mayer et al., 2017). Classroom management as a central component of the pedagogical-psychological professional knowledge of teachers (Hoehne & Kunter, 2015; Voss et al., 2014, 2015) is of decisive importance for successful, preferably learning-promoting and at the same time low exhausting teaching due to its diverse potentials (Hattie, 2009, 2015; Helmke & Schrader, 2010; König & Pflanzl, 2016). Studies show, a. o., positive correlations between successful classroom management and teachers' well-being (Dicke et al., 2014), student performance (Lenske et al., 2016), and situational interest (Lenske, Wirth & Leutner, 2017). It therefore seems particularly significant to promote successful classroom management at an early stage. Conditional-procedural (action-related) knowledge is particularly significant for, a. o., professional vision of teaching aspects relevant for classroom management and classroom management performance (König & Kramer, 2016; Kramer et al., 2017), but has so far been little addressed in the university phase of teacher education (Baer et al., 2011; Petzold-Rudolph, 2018). Nonverbal classroom management components could especially be useful for successful classroom management (e.g., Gröschner, 2007; Kosinár, 2012). They have rarely been investigated in isolation despite the importance of nonverbal communication components for communication and interaction processes (Burgoon, Buller & Woodall, 1996; Mehrabian, 1968; Patterson & Manusov, 2006) as well as for teaching processes (e.g., Burroughs, 2007; Kosinár, 2007; Lakin et al., 2003; Zuckerman, 2007). The benefits of video-based training settings for teacher expertise development, e.g., for improving professional vision or self-efficacy expectations, have already been widely empirically demonstrated (e.g., Borko, Koellner, Jacobs & Saego, 2011; Gold, Hellermann & Holodynski, 2017; Sherin & van Es, 2009; Steffensky et al., 2015). Thereby, staged videos offer particular advantages (focused presentation, complexity reduction of the multicomplex teaching situation, presentation of critical teaching events; Gartmeier, 2014; Piwowar, Barth, Ophardt & Thiel, 2018). In five studies, this dissertation builds on the findings on the relevance of conditionalprocedural knowledge (König et al., 2014; König & Kramer, 2016), on the potential of nonverbal communication in the classroom (Burroughs, 2007; Lakin, Jefferis, Cheng & Chartrand, 2003; Maulana et al., 2012), and on the added value of - especially staged - videos for teacher expertise development (Gartmeier, 2014; Piwowar et al., 2018) and extends them (1) with regard to characteristics beneficial for learning of staged videos developed specifically for the focus classroom management (2) by a newly developed test instrument called the Nonverbal Classroom Management Scale (NCMS) to assess conditional-procedural knowledge of nonverbal classroom management components, and (3) by evaluation studies focusing on the trainability and measurement of nonverbal classroom management components. The staged teaching video vignettes, the NCMS, and the video-based classroom management training variants have been used in the university phase of teacher education in various studies. As a preparatory step, staged teaching video vignettes focusing on classroom management were developed for primary and lower secondary level, which were to depict the central strategies of a selected holistic classroom management approach - the Linz Concept of Classroom Management (LCC, Lenske & Mayr, 2015). The video vignettes are tested in Study Ⅰ with regard to their properties for use in classroom management training, i.e., the sensitivity and specificity with regard to the correct recognition of the classroom management strategies and nonverbal classroom management components intended in the video vignettes, the sensitivity with regard to the assessment of the intended classroom management strategies and nonverbal classroom management components as (rather) successful or (rather) critical as well as the assessment of the perceived authenticity, immersion and resonance during video viewing by novices and practicing teachers. The results indicate sufficient to satisfactory results in terms of sensitivity and specificity. The examination of group differences between novices and practicing teachers does not reveal any significant differences except for the sensitivity with regard to the assessment of the nonverbal classroom management components. Across groups, there is also a high perceived authenticity, resonance and immersion, which are considered to be prerequisites conducive to learning (Deci & Ryan, 1985; Seidel et al., 2011). In Study Ⅱ, the video vignettes are used for the first time in a video-based classroom management training in a master’s degree program and examined with regard to their learning effectiveness for promoting declarative and general conditional-procedural classroom management knowledge. In line with expectations, a significant increase in knowledge of general conditional-procedural classroom management knowledge was found, but not in declarative classroom management knowledge. Following the video vignette evaluation, the design process of the NCMS, a scale for measuring knowledge of nonverbal classroom management components, is presented. The NCMS is examined in studies Ⅲ and ⅠⅤ in initial analyses with regard to its test quality. Overall, item and scale analyses show satisfactory psychometric scores. It is also possible to model the data on the basis of the classroom management categories of the LCC (Relation, Teaching and Control) as a one- and two-dimensional model (NVRelationTeaching vs. NVControl). Finally, Study Ⅴ aims to investigate the promotion of conditional-procedural classroom management knowledge with a focus on nonverbal classroom management components by means of training using the developed video vignettes. The findings indicate an increase in conditional-procedural knowledge about nonverbal classroom management components, but not in general conditional-procedural classroom management knowledge. To test for a potential further increase in learning success, two training variants – the presentation of the videos with sound and (provisionally) without sound – were compared trying to facilitate knowledge acquisition by minimizing a possible unattended-speech effect (Salamé & Baddeley, 1982). However, the comparison of the two training variants shows no significant differences. Overall, the results of the presented work indicate that it is possible to promote conditionalprocedural knowledge about nonverbal classroom management components by reliably and validly capturing it and by training it using staged teaching video vignettes. It also provides further insights into the development of learning-promoting staged teaching videos to enable an early promotion of classroom management expertise and thus contribute to an improvement in teacher education.

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