Untersuchung der Feinmotorik, visuell-räumlichen Wahrnehmung und Graphomotorik bei sehr früh- und reifgeborenen Kindern im Alter von 5,5 – 6,5 Jahren

Frühgeborene stellen die größte Patientengruppe in der Pädiatrie dar, denn jedes elfte Kind in Deutschland wird zu früh geboren. Auf Grund der frühen Geburt ist das Risiko für Entwicklungsverzögerungen in den Bereichen Kognition, inklusive Sprache, und Motorik erhöht. Die Feinmotorik, visuell-räumliche Wahrnehmung und Graphomotorik (d. h. das Malen/Schreiben mit einem Stift) sind insbesondere im Vorschulalter wenig untersucht. Diese drei Bereiche sind am Handschrifterwerb beteiligt. Graphomotorische Schwierigkeiten werden jedoch meist erst im schulischen Kontext offensichtlich, deshalb wurden in dieser Studie Vorschulkinder untersucht, um folgende Hypothesen zu prüfen: sehr frühgeborene Kinder zeigen (1) niedrigere Leistungen und (2) ein höheres Risiko für Entwicklungsverzögerungen in der Feinmotorik, visuell-räumlichen Wahrnehmung und Graphomotorik im Vergleich zu Reifgeborenen, des Weiteren (3) bestehen Mediationseffekte zwischen den Variablen.

Die Untersuchung von 60 sehr früh- und 60 reifgeborenen Kindern im Alter von 5,9 (SD 0,3) Jahren mit Frostigs Entwicklungstest der visuellen Wahrnehmung 2 (FEW-2) und Movement Assessment Battery for Children 2 (M-ABC-2), bestätigte die Hypothesen: (1) Sehr Frühgeborene erzielten signifikant niedrigere Leistungen in der Feinmotorik (β = ‑0,44, p < ,001), visuell-räumlichen Wahrnehmung (β = ‑0,25, p = ,006) und Graphomotorik (β = ‑0,46, p < ,001) im Vergleich zu Reifgeborenen. (2) Die sehr frühgeborenen Kinder zeigten ebenfalls ein signifikant höheres Risiko für Entwicklungsverzögerungen in der Feinmotorik (Odds Ratio (OR) 6,20 [95% Konfidenzintervall 2,43 – 15,83]), visuell-räumlichen Wahrnehmung (OR 3,35 [1,12 – 9,99]) und Graphomotorik (OR 12,25 [3,94 – 38,08]). Diese Effekte blieben auch nach der Kontrolle für das Geschlecht und die elterliche Bildung bestehen. (3) Die Mediationsanalyse ergab, dass das Gestationsalter einen positiven Effekt auf die Graphomotorik besitzt, der partiell über die Feinmotorik und visuell-räumliche Wahrnehmung vermittelt wird.

Diese Ergebnisse bestätigen, dass das Risiko für Entwicklungsverzögerungen in einzelnen Bereichen bei sehr frühgeborenen Kindern erhöht ist. Das Wissen über feinmotorische, visuell-räumliche und graphomotorische Leistungen von sehr Früh- und Reifgeborenen im Vorschulalter wird erweitert und in einen Gesamtzusammenhang gebracht. In die Nachsorge von Frühgeborenen könnten bereits im Vorschualter standardisierte Testverfahren implementiert werden, da eine Identifikation von Kindern mit Entwicklungsverzögerungen bereits vor Schulbeginn möglich ist. Eine frühe Behandlung besitzt das Potenzial schulische Schwierigkeiten abzumildern, wobei valide, kontrollierte Interventions- und Longitudinalstudien benötigt werden.

Survival rates of very preterm infants have increased over past decades. While prevalence of severe disabilities has decreased, very preterm children are still at risk of developmental delay in fine motor, visual perception, and visual-motor skills. The following hypothesis were tested: Very preterm children show (1) lower average performance and (2) higher rates of developmental delay in fine motor, visual perception, and visual-motor skills than term born controls, and (3) visual perception and fine motor skills mediate effects of very preterm birth on visual-motor skills.

A sample of 60 very preterm children and 60 term born controls (mean age 5.9 years, standard deviation 0.3) were examined with the Movement Assessment Battery for Children - 2 (M-ABC-2) and the Developmental Test of Visual Perception 2 (DTVP-2). The hypotheses were confirmed: (1) Very preterm children were less skilled in fine motor (β = -0.44; p < .001), visual perception (β = -0.25; p = .006), and visual motor tasks (β = -0.46; p < .001) than term born controls. (2) The risk for clinically diagnosed developmental delay was higher among very preterm children in fine motor skills (odds ratio (OR) = 6.20 [95% confidence interval 2.43-15.83]),  visual perception (OR = 3.35 [1.12-9.99]) and visual motor skills (OR = 12,25; [3,94 – 38.08]) than in term born controls. The effects persist after adjusting for parental education and child sex. (3) Effects of very preterm birth on visual motor skills were partially mediated by fine motor skills and visual perception.

These results confirm that infants born very preterm today are at significantly increased risk for subtle and clinically relevant developmental delays in visual perception, visual motor and fine motor skills. The knowledge about fine motor, visual perception and visual-motor skills of very preterm and term born preschool children could be extended and a developmental profile could be proposed. Thus, very preterm children should be followed up at least until preschool age to identify potential problems with standardized assessments early on. Studies are needed to evaluate interventions and longitudinal outcome.

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