"Als das Wort Gottes erklang" : die theologische Bedeutung des Klangs bei Hildegard von Bingen.

Waterboer, Eveline GND

Sonus erweist sich in der symbolisch-allegorischen Sprache Hildegards als fundamentaler Begriff und konstitutives Element ihres gesamten Werkes und besitzt als Evidenz des Göttlichen nicht nur eine theologische, sondern auch eine anthropologische und kosmologische Dimension. Sowohl in den Visionsschriften als auch in den Briefen Hildegards ist der Begriff ‚Klang‘ (sonus) also vielfach belegt. Zum einen verweist sonus darauf, dass in den Visionen Klang und Hören, Hören und Sehen eine untrennbare Einheit bilden, sodass Hildegards Visionen sich als Audio-Visionen bestimmen lassen. Zum anderen gehört sonus, verbunden mit dem Schöpfungswort „es werde“ (fiat), zu den Schlüsselwörtern Hildegards und durchdringt als Ur- und Schöpfungsklang ihre visionäre Theologie. Es war laut Hildegard nämlich die Stimme Gottes (vox Dei), die durch ihren Klang die Welt zum Leben erweckte, sodass sie als Schöpfungsklang allem Seienden – jedem Geschöpf, dem gesamten Kosmos, der Zeit und ihrer Geschichte – innewohnt; d.h. als ‚Klang des Lebens‘ ist sonus in jedem Geschöpf als Nachklang und verborgene Lebenskraft wirksam: Die klangliche creatio ex nihilo findet ihre Fortsetzung in der klanglichen creatio continua. Da Sinn und Zweck eines Klangs sich im Hören vollzieht, steht sonus als Einheit von sonus und audire für die Verbindung von Klang und Hören. Das betrifft auch den sogenannten ‚unhörbaren Klang‘, der, wie zum Beispiel die ‚himmlische Stimme‘, nicht akustisch, sondern ‚nur‘ mir dem ‚inneren Hörsinn’ wahrgenommen werden kann. Dieser wurde dem Menschen bei der Schöpfung als ‚Odem Gottes‘ eingehaucht und mit dem Klang des Schöpfungswortes ‚fiat‘ als Geisthauch Gottes, als ‚inneres Wissen‘, als ‚apriorisches Wissen‘ quasi eingegeben und lässt sich als ‚Widerhall‘ Gottes vernehmen und ‚hören‘ – vorausgesetzt, man ist von einem tiefen Glauben erfüllt. Es geht also bei Hildegard vor allem um den Glauben, um den Glauben, der – unterstützt durch das gnadenhafte Wirken des Heiligen Geistes – die innerliche, geistig-seelische Wahrnehmung Gottes als Berührung und Ergriffensein erfährt, gleichzeitig den Glauben als ein Gnadengeschenk Gottes empfängt. Der Glaube stiftet somit Gottesbeziehung und bedeutet zugleich, von einem lebendigen und mit Lebenskraft erfüllten Glauben erfüllt zu sein. Als Einheit von sonus und audire, gekennzeichnet durch ein ausgewogenes Verhältnis von Erkennen bzw. Erleuchtung und Hören verweist sonus als gnadentheologisch gestützter Begriff auf eine Glaubenslehre, die mit ihrer Klangsprache und vielen Klangbildern in der Summe sozusagen einer ‚theologischen Klanglehre‘ bzw. einer ‚klangorientierten‘ Theologie entspricht. In diesem Sinne gebührt dem Begriff sonus in der Hildegard-Forschung besondere Aufmerksamkeit.

In the symbolic and allegorical language of Hildegard of Bingen, sonus proves to be a fundamental term/notion and a constitutive element of her entire work/ouevre; as evidence of the divine it has not merely a theological but also an anthropological and a cosmological dimension. The term sound (sonus) is also documented well many times in Hildegard’s visionary writings and letters. On the one hand, sonus here refers to an understanding of visions in which sound and listening, listening and seeing build an inseparable union, so that Hildegard‘s visions can be determined as audio-visions; on the other hand, sonus connected with the word of creation (fiat), is one of Hildegard’s key words, and, as primordial sound of creation it permeates her visionary theology. For, according to Hildegard, it was the voice of God (vox Dei) which awoke the world with its sound, so that the sound of creation is inherent in all beings - in each creature, in the entire cosmos, in time and history; that means that as ‚sound of life‘, sonus is working in each creature as a lingering sound and hidden power of life: the tonal creatio ex nihilo proceeds in the tonal creatio continua. As sense and intention of sound are realized in listening, sonus - as unity of sonus and audire - represents the connection of soundand listener. This also applies to the so-called ‚inaudible sound‘, which - as for example the ‚heavenly voice‘ - cannot be perceived acoustically but only with the ‚sense of inner listening‘. This sense was inspired in the human being in the act of creation as ‚breath of God‘; with the sound of the ‚fiat’ word of creation, it was infused as spirit of God quasi as an ‚inner‘ or ‚apriori’ knowledge; and, it can be heard and ‚listened to’ as the ‚echo‘ of God - given that the listener is fulfilled with a deep faith. Hildegard’s teaching thus is about faith, about a faith that - supported by the Holy Spirit‘s work of grace - experiences the inner, spiritual-psychic perception of God as touching and being touched, and that at the same time receives faith as a grace of God. Thus, it is faith that endows the relation to God, and that at the same time fulfills with a vivid and powerful faith. As unity of sonus and audire, and marked by a balanced relationship between recognition / being enlightened and listening, sonus - as a term supported by the theology of grace - points to a teaching of faith which in its language of sound so to say corresponds to a ‚theological teaching of sound‘ or a theology ‚oriented towards‘ sound. In this understanding, the notion of sonus deserves special attention in research.

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Waterboer, E., 2020. “Als das Wort Gottes erklang”: die theologische Bedeutung des Klangs bei Hildegard von Bingen. https://doi.org/10.17185/duepublico/71850
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