Intellektuelle als Berater der Politik? : Themen, Funktionen und Formen von intellektueller Beratung am Beispiel des sozialdemokratischen Bundeskanzlers Gerhard Schröder

Förster, Melanie GND

Intellektuelle gelten als moralische Instanz, unabhängige Kritiker der Macht und Zeitdeuter für gesellschaftlich relevante und politische Themen. Doch inwiefern können sie auch als Berater der Politik agieren?
Die Dissertation analysiert Themen, Funktionen und Formen von Intellektuellen als Berater der Politik und nimmt als Untersuchungszeitraum die Regierungszeit von Bundeskanzler Gerhard Schröder (1998 bis 2005) in den Fokus.
Basierend auf Forschungsliteratur zu intellektuellem Engagement für vorherige Kanzler, vor allem für Willy Brandt, sowie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Intellektuellensoziologie und zur Politik- und Gesellschaftsberatung wird die Forschungsfrage verfolgt, auf welche Weise Intellektuelle als Berater für Bundeskanzler Gerhard Schröder tätig waren. Außerdem wird diskutiert, wie sich Beratung durch Intellektuelle zu den klassischen Formen von Politikberatung und zu Gesellschaftsberatung verorten lässt.
Als Fallstudie angelegt, untersucht die Arbeit die Regierungszeit Gerhard Schröders auf Anlässe von Beratung durch Intellektuelle, um das Spektrum der Beratung in der Praxis zu verdeutlichen und eine Typologie von intellektueller Beratung herzustellen.
Dazu wird ein eigenes Konzept zur Beratung politischer Entscheidungsträger durch Intellektuelle entwickelt, in dem aus den theoretischen Bezügen abgeleitete Kriterien sowie forschungsleitende Vorannahmen den Analysezugang für den empirischen Teil der Arbeit bilden.

Für die Analyse wurde im Bereich der Datenerhebung eine Kombination aus recherchierten Dokumenten aus dem Untersuchungszeitraum und eigens durchgeführten Interviews zu Engagement und Beratung durch Intellektuelle mit Experten gewählt.
Vorgeschaltet wurde die Recherche und Auswahl von Medienberichterstattung zum Thema, um Hintergrundwissen und Vergleichsmaterial zu generieren. Als Analyseform wurde eine strukturierende und explizierende qualitative Inhaltsanalyse in Kombination mit dem Stufenmodell empirisch begründeter Typenbildung nach Susann Kluge und dem Konzept des Merkmalsraums nach Allen H. Barton und Paul F. Lazarsfeld eingesetzt.
Durch die enge Verzahnung von empirischer und theoriegeleiteter Analyse gemäß diesem Ansatz wurde eine systematische und nachvollziehbare Gruppierung der nachgewiesenen Fälle erreicht. Anhand zentraler Vergleichsdimensionen wurden daraufhin drei Typen von Beratung durch Intellektuelle ermittelt und mithilfe von Prototypen analysiert:

- Typ I: Der intellektuelle Berater als fachkundiger Ideenlieferant, der aufgrund seiner speziellen Fachkompetenz Ideen und Konzepte erarbeitet.

- Typ II: Der intellektuelle Berater als gesellschaftsnaher Sparringspartner, der allgemeine Stimmungen und Problemlagen vermittelt und als diskursiver Gesprächspartner zur Überprüfung und Schärfung von Argumenten verhilft.

- Typ III: Der intellektuelle Berater als sinnstiftender Themendeuter, der vorhandene politische Themen aufgrund seiner Zeitdeutungskompetenz bewertet und öffentlich Ratschläge zu ihrer Umsetzung gibt.

Intellektuelle können sowohl klassische Politikberatung leisten (Typ I) als auch als politikbezogene Gesellschaftsberater fungieren (Typen II und III), indem sie, verstanden als selbst organisierter Teil der Zivilgesellschaft, als Sprecher der Gesellschaft agieren.
Alle in dieser Arbeit analysierten Beratungsanlässe erfolgten dabei von außen, informell und ad hoc, wobei die personellen Konstellationen wechselten. Insgesamt kann das Fazit gezogen werden, dass Intellektuelle als Berater der Politik bei den identifizierten Beratungsformen stets einen Ausgleich zwischen größtmöglichem Einfluss und kleinstmöglicher Vereinnahmung finden müssen, um als unabhängige Intellektuelle glaubwürdig zu bleiben.
Ihre Autonomie von der Macht kann jedoch nur eine relative sein, wenn sie politische Entscheidungsträger situativ beraten, ihr Engagement aber mit dem Anspruch und Qualitätsmerkmal kritischer, nicht ausschließlich affirmativer Empfehlungen verbinden.

Intellectuals are considered moral authorities, independent critics of power and “interpreters of the signs of the times” on socially relevant and political issues; but to what extent can they also act as political advisors?
The dissertation analyses the topics, functions and forms of intellectuals acting as political advisors and focuses on the administration of German Chancellor Gerhard Schröder (1998–2005).
The research question addresses how intellectuals acted as advisors to German Chancellor Gerhard Schröder on the basis of the research literature describing the involvement of intellectuals with former Chancellors, above all Willy Brandt, as well as scientific findings on the sociology of intellectuals and policy and society consultation.
It also discusses how intellectuals as advisors can be located in relation to the classic forms of policy consultation and to society consultation. The dissertation, in the form of a case study, examines use of intellectuals as advisors during the administration of Gerhard Schröder, with the aim to clarify the practical scope of counselling and create a typology of intellectuals as advisors.
In order to do this, an own concept for the counselling of political decision-makers by intellectuals was developed, by using the criteria derived from theoretical references and research guiding assumptions to form the analytical approach for the empirical part of the dissertation.

The data collection method selected for the analysis was a combination of researched documents from the period of investigation and personally conducted interviews with experts, on the involvement and counselling by intellectuals.
Prior to doing so, media coverage on the topic was researched and selected in order to generate background knowledge and reference material.
The form of analysis that was used is a structuring and explanatory qualitative content analysis used in combination with the stage model of empirically based typification according to Susann Kluge and the concept of property-space according to Allen H. Barton and Paul F. Lazarsfeld.
The close integration of empirical and theory-based analysis using this approach allowed for a systematic and comprehensible grouping of proven cases. Using central comparative dimensions, three types of counselling by intellectuals were identified and then analysed based on prototypes:

- Type I: The intellectual advisor as a specialised supplier of ideas, who develops ideas and concepts based on his specific expertise.

- Type II: The intellectual advisor as a sparring partner close to society, who conveys general sentiments and problems, and helps to review and refine arguments as a discursive interlocutor.

- Type III: The intellectual advisor as a sense-making interpreter of issues, who evaluates existing political topics with his competence for the “interpretation of the signs of the times” and provides public recommendations on their handling.

Intellectuals can both act in the functioning of classic policy consultation (Type I) as well as function as policy-related society advisors (Types II and III) in the form of society’s spokespersons, which are understood as a self-organised component of civil society.
All of the consultations analysed in this dissertation occurred externally, informally and ad hoc, whereby the personnel constellations varied.
On the whole, one can conclude that intellectuals acting as political advisors in the identified forms of counselling always have to find the balance between greatest possible influence and smallest possible involvement, in order to remain credible as independent intellectuals.
However, their autonomy from power can only be deemed relative if they advise political decision-makers situationally, but combine their involvement with the claim and attribute of critical, yet not exclusively affirmative, recommendations.

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Förster, M., 2020. Intellektuelle als Berater der Politik?: Themen, Funktionen und Formen von intellektueller Beratung am Beispiel des sozialdemokratischen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. https://doi.org/10.17185/duepublico/71617
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