Das Bildungs- und Teilhabepaket : Eine Analyse der Hürden und Chancen der Inanspruchnahme und Umsetzung der Leistungen für Bildung und Teilhabe aus der Perspektive der Schulsozialarbeit

Hagemeier, Felicitas GND

In den letzten Jahren hat sich das Bildungs- und Teilhabepaket, welches kurz BuT genannt wird, als bundesweit angelegte Strategie in verschiedenen Feldern der sozialen Arbeit etabliert.
Das BuT umfasst verschiedene Leistungen im Bereich der Bildung und gesellschaftlichen Teilhabe, die anspruchsberechtigte Familien für ihre Kinder beantragen können.
Konkret richtet es sich an Kinder und Jugendliche, die in Familien aufwachsen, welche sozial benachteiligt sind und staatliche Zuwendungen in Form von Arbeitslosengeld II, Sozialgeld oder Sozialhilfe, Kinderzuschlag, Wohngeld oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2017). Es zielt dabei darauf ab, die benachteiligende Wirkung der sozialen Herkunft auf den Bildungsprozess von Kindern und Jugendlichen durch einen finanziellen Ausgleich abzumildern.
Im Rahmen des BuT wurde an vielen Schulen Schulsozialarbeit installiert. Das bedeutet, es wurden gezielt Stellen geschaffen, um Familien über das BuT zu informieren und bei der Antragstellung zu unterstützen. Ziel dieser Arbeit ist die Evaluation des BuT hinsichtlich der Frage, wie die beteiligten AkteurInnen der Schulsozialarbeit die Umsetzung der Policy `Bildungs- und Teilhabepaket ́ im Hinblick auf Chancengerechtigkeit bewerten. Hierzu wurde zunächst die theoretische Basis der Untersuchung begründet, festgelegt und erörtert. Unter anderem wurde der Begriff der Chancengerechtigkeit aus verschiedenen politischen Blickwinkeln und in Abgrenzung zum Begriff der Chancengleichheit betrachtet, denn das Agieren der Schulsozialarbeit zielt auf Chancengerechtigkeit.
Da diese laut der Theorie der Gerechtigkeit von Rawls (1979) nur dann besteht, wenn die soziale Herkunft keinen Einfluss auf die weiteren Lebenschancen hat, wurde dementsprechend diese Theorie als theoretische Grundlage der Arbeit dargelegt. Das Konzept der Chancengerechtigkeit wurde dann im Rahmen der Untersuchung von mir in einem weiteren Schritt auf Bildungsgerechtigkeit in der Bundesrepublik Deutschland übertragen. Es lassen sich die vier Dimensionen der Bildungsgerechtigkeit Geschlecht, Region, Ethnie und soziale Herkunft beobachten.
Da sich das BuT implizit auf diese Dimensionen bezieht, eignen sie sich besonders gut als Analyserahmen für die Fragestellung der Dissertation, welche lautet:
Wie beurteilen die an der Schulsozialarbeit beteiligten AkteurInnen die Umsetzung der Policy `Bildungs- und Teilhabepaket ́ für Familien im Umfeld Duisburger Grundschulen im Hinblick auf Chancengerechtigkeit?
Dabei lag der Befragung die Annahme zugrunde, dass verschiedene Hürden bestehen, welche die Implementation des BuT erschweren und sich somit auf das Ausmaß auswirken, in dem die Mittel abgerufen werden. Infolgedessen konnte die Zielgruppe bislang nur bedingt erreichen werden. Es wurde dementsprechend angenommen, dass die Schulsozialarbeit dabei hilft, das BuT zu implementieren, indem sie den Anreiz der Abrufung durch Unterstützung bei der Beantragung und Informationen für die leistungsberechtigten Familien erhöht.
Um der Forschungsfrage adäquat nachzugehen, wurden qualitative ExpertInneninterviews mit Fachkräften an Duisburger Grundschulen geführt, wo im Jahr 2012 viele Stellen für Schulsozialarbeit geschaffen wurden. Auf der theoretischen Basis wurde dazu ein Leitfaden entwickelt, welcher die Themen Schulsozialarbeit als Teil der Implementationsstruktur des BuT, Möglichkeiten und Grenzen des BuT und seinen Beitrag zur Chancengerechtigkeit sowie die Zukunft des BuT und der Schulsozialarbeit umfasst.
Die Auswertung der Interviews erfolgte in Anlehnung an die qualitative Inhaltsanalyse nach Margrit Schreier (2012). Die Ergebnisse der Untersuchung lassen sich, bezogen auf die zentrale Fragestellung dahingehend zusammenfassen, dass die leistungsberechtigten Familien nach Ansicht der Befragten ein tendenzielles Interesse am BuT zeigen, wenn der Aufwand für sie gering ist und der Nutzen, im Sinne einer hohen Kostenerstattung, hoch.
Hürden liegen den Befunden zufolge insgesamt im bürokratischen System der Leistungsbeantragung und in der fehlenden Befähigung der AdressatInnengruppe, diesen Hürden auf Grund u.a. sprachlicher Defizite zu begegnen. Zudem wurden die geringen zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen und die schwierige Umsetzung des BuT sowie das Problem, dass Familien oft nicht erreicht werden, angemerkt.
Laut den Interviewten trägt die Schulsozialarbeit jedoch trotz dieser Einschränkungen dazu bei, die Abrufung der Mittel durch die Familien zu erhöhen. Hierbei sind vor allem die Arbeit mit den Kindern und der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zwischen den Sozialarbeitenden und den Familien wichtig, aber auch die Vermittlung der Ziele des BuT durch die Projekte der Sozialarbeitenden spielt eine Rolle. Denn an den Stellen, an denen von den leistungsberechtigten Familien die Sinnhaftigkeit des BuT erkannt wurde, läuft die Umsetzung desselben, laut Einschätzung der Fachkräfte für Schulsozialarbeit, gut.
Zusammenfassend sind die Befunde dahingehend zu interpretieren, als dass das sozialarbeiterische Engagement an den Schulen entscheidend für die Nutzung des BuT ist. Schulsozialarbeit wirkt durch ihre Arbeit den verschiedenen Hürden, die der Implementation der Policy im Wege stehen, entgegen. Bezüglich der Implementationsstruktur des BuT lässt sich ein tendenziell positives Fazit ziehen.
Weiterer Handlungsbedarf wird vor allem darin gesehen, Schulsozialarbeit flächendeckend an allen Schulen einzusetzen und zu entfristen um somit Kontinuität in der Arbeit mit den Familien zu erreichen.
Durch diese Kontinuität könnte dem teilweise schwierigen Zugang zu den leistungsberechtigten Familien begegnet werden. Die Beantragung des BuT erfolgt durch die Familien vor allem dann, wenn ein hoher Nutzen gesehen wird. Die verschiedenen in der Untersuchung genannten Hürden stehen dem gegenüber. Durch ein Instrument, das flexibler ist als das aktuelle BuT, könnte dem begegnet werden.
Eine Untersuchung der sinnvollen Erweiterung und Veränderung der Policy BuT in der Zukunft und in der Institution Schule selbst könnte weitere mögliche Entwicklungen hin zu größerer Chancengerechtigkeit in Deutschland aufzeigen. Die Befragung der Eltern und Kinder, bezüglich ihrer Bedarfe im Rahmen von Bildung und Teilhabe, unabhängig eines Leistungsanspruches, könnte weitere spannende Ergebnisse liefern.
Weiterführende Forschungsergebnisse könnten dazu beitragen, dass für die Zukunft Möglichkeiten gefunden werden, allen Kindern in der Bundesrepublik Deutschland gerechte Teilhabe- und Bildungschancen zu ermöglichen.

In recent years, the Bildung und Teilhabepaket (short: BuT), has established itself as a nationwide strategy in various fields of social work.
The BuT covers various educational and social services that eligible families can apply for. Specifically, it is aimed at children and adolescents who grow up in families who are socially disadvantaged and receive state benefits in the form of unemployment benefit (`Arbeitslosengeld II ́), social allowance or social assistance, child allowance, housing benefit or benefits under the Asylum Seekers Benefits Act (see Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2017).
It aims to mitigate the discriminatory effect of social origin on the educational process of children and adolescents through financial compensation.
As part of the BuT, school social work was installed at many schools. This means that targeted jobs have been created to inform families about the BuT and to assist with the application process. The aim of the present thesis is the evaluation of the BuT regarding the question of how the actors involved in school social work evaluate the implementation of the policy `Bildungs- und Teilhabepaket ́ with regard to equal opportunities.
For this purpose, the theoretical base of the study was first defined and discussed. Among other things, the concept of equal opportunities was regarded from different political perspectives and in contrast to the concept of equal opportunities, because the action of school social work aims at equal opportunity.
Since equal opportunity exists only if the social origin has no influence on further life chances, according to the theory of justice of Rawls (1979), this theory builds the theoretical base of the present thesis. In a further step, the concept of equal opportunities was then transferred to educational justice in the Federal Republic of Germany as part of the investigation by me. It is possible to observe the four dimensions of educational justice: gender, region, ethnicity and social background.
Since the BuT implicitly refers to these dimensions, they are particularly useful as an analytical framework for the question, which is:
How do the actors involved in school social work assess the Implementation of the Policy `Bildungs- und Teilhabepaket ́‚ for families in the primary schools in Duisburg in terms of fairness of opportunity?
The survey was based on the assumption that there are various obstacles that hamper the implementation of the BuT and thus affect the extent to which the funds are used. As a result, the target group has only been reached to a limited extent so far. Accordingly, it was assumed that school social work helps to implement the BuT by increasing the incentive of retrieval by assisting with the application and information for the families entitled to benefits.
In order to adequately investigate the research question, qualitative expert interviews were conducted with specialists at elementary schools in Duisburg, where many jobs for school social work were created in 2012. Based on theoretical assumptions, a guideline was developed, which covers the topics of school social work as part of the implementation structure of the BuT, possibilities and limits of the BuT, and its contribution to the equal opportunities as well as the future of the BuT and the school social work.
The interviews were evaluated on the basis of the qualitative content analysis according to Margrit Schreier (2012). The results of the study can be summarized in terms of the central question that the eligible families show interest in the BuT, if the effort for them ist low and the benefits, in terms of high reimbursement, are high. According to the findings, impediments lie overall in the bureaucratic system of claiming benefits and in the inability of the target group to overcome these impediments, i. a. linguistic deficits.
In addition, the low financial resources available and the difficult implementation of the BuT, as well as the problem of families often not being reached, were noted. However, according to the interviewees, school social work, despite these restrictions, helps to increase family fundraising. Above all, the work with children and the building of trusting relationship between the social workers and the families are important, but also communicating the goals of the BuT through the projects of the social worker is important. In families where the meaningfulness of the BuT was recognized, the implementation of the same runs well according to the estimation of the specialists for school social work.
In summary, the findings show that the social work engagement in the schools is crucial for the use of the BuT. School social work works against the various impediments that hinder the implementation of the policy. With regard to the implementation structure of the BuT an overall positive conclusion can be drawn.
A further need for action is seen above all in using school social work in all schools to achieve this continuity in working with families. This continuity could address the sometimes difficult access to the families entitled to benefits. The application of the BuT is made by the families especially if a high benefit is recognized. The various impediments mentioned in the study face this problem. Hence, a new more flexible instrument is needed to improve the current use of the BuT.
A study of meaningful extensions and change of the BuT policy in the future and in the institution school itself could show further possible developments towards greater equal opportunities in Germany. The questioning of parents and children, regarding their needs in the context of education and participation, regardless of a benefit claim, could provide further interesting findings.
Further research results could help to find ways for the future to provide all children in the Federal Republic of Germany fair participation and educational opportunities. Literaturverzeichnis Bundesagentur für Arbeit (2017): Statistik. Februar 2019: Arbeitslosenquote insgesamt. Im Internet verfügbar unter: https://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik- nach-Regionen/BA-Gebietsstruktur-Nav.html (letzter Zugriff: 10.03.2019). Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2017): Die Leistungen des Bildungspakets. Im Internet verfügbar unter: https://www.bmas.de/DE/Themen/Arbeitsmarkt/Grundsicherung/Leistungen-zur- Sicherung-des-Lebensunterhalts/Bildungspaket/leistungen- bildungspaket.html;jsessionid=9C3FA9152174DD4C165752187C466D0B (letzter Zugriff: 24.11.2018). Rawls, John (1979): Eine Theorie der Gerechtigkeit. Baden-Baden. Schmeltzer, Rainer (2016): Bericht zur Umsetzung des Bildungs- und Teilhabepakets im Jahr 2015 in Nordrhein-Westfalen. Im Internet verfügbar unter: https://www.landtag.nrw.de/ portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMV16-4454.pdf (letzter Zugriff: 26.10.2018). Schreier, Margrit (2012): Qualitative Content Analysis in Practice. London.

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Hagemeier, Felicitas: Das Bildungs- und Teilhabepaket. Eine Analyse der Hürden und Chancen der Inanspruchnahme und Umsetzung der Leistungen für Bildung und Teilhabe aus der Perspektive der Schulsozialarbeit. 2020.

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