Internet-Pornography-Use Disorder: Die Rolle von Trait- und State-Variablen sowie neuralen Mechanismen bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung einer problematischen Internetpornographienutzung

Antons, Stephanie GND

Die Internet-Pornography Use Disorder (IPD) ist gekennzeichnet durch eine Reduktion der Kontrolle über die Internetpornographienutzung, welche mit einer exzessiven Nutzung und daraus resultierenden negativen Konsequenzen einhergeht.</br> Prävalenzschätzungen deuten auf ein ernstzunehmendes klinisches Störungsbild hin, wobei eine eigenständige Klassifikation bisher noch nicht vorgenommen wurde. Die Symptomatik weist jedoch starke Parallelen zu substanzgebundenen und nicht substanzgebundenen Süchten auf. Das Interaction of Person-Affect-Cognition-Execution (I-PACE) Modell von Brand et al. (2019) nimmt an, dass das Zusammenspiel zwischen relativ stabilen Trait-Variablen und situationsabhängigen State-Variablen die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer IPD begünstigen.</br> Darüber hinaus geben erste Arbeiten Hinweise darauf, dass Mechanismen der Incentive Sensitization, des Cue-Reactivities und des Cravings die Wahrscheinlichkeit erhöhen, Symptome einer IPD zu entwickeln. Ursächlich hierfür ist vermutlich ein Ungleichgewicht zwischen drei neuralen Systemen: dem impulsiven, reflektiven und interozeptiven System. Ausgelöst wird dieses Ungleichgewicht durch eine im Suchtprozess zunehmende Hyperaktivität des impulsiven Systems, welche insbesondere dann eintritt, wenn Betroffene mit internetpornographieassoziierten Cues konfrontiert werden.</br> Bisher erfolgte keine Unterscheidung zwischen Merkmalen von Personen mit einer hohen, aber unproblematischen sowie jenen mit einer problematischen Internetpornographienutzung hinsichtlich der relevanten Trait- und State-Variablen. Aus diesem Grund ist ungeklärt, ob die bisher in der Empirie identifizierten Merkmale einer IPD tatsächlich spezifisch für die Reduktion der Kontrolle sind. Darüber hinaus fokussierten bisherigen Forschungsarbeiten vordergründig zentrale Mechanismen der Hyperaktivität des impulsiven Systems. Die weiterführende Betrachtung des Einflusses von situativen Faktoren auf die Funktionalität des reflektiven und interozeptiven Systems blieb bisher unberücksichtigt.</br> Auch sind die Interaktionen zwischen Trait- und State-Variablen weitestgehend unerforscht. Ebendiese Forschungslücken werden im Rahmen der vorliegenden kumulativen Dissertation mit dem Ziel adressiert, einen Beitrag zum Verständnis der Faktoren, Prozesse und Mechanismen zu leisten, die an der Entwicklung und Aufrechterhaltung einer IPD beteiligt sind. Schrift 1 des Kumulus unterstreicht die zentrale Rolle von Craving auf die verminderte Kontrolle über die Nutzung von Internetpornographie. Darüber hinaus konnten auch ein dysfunktionalerer und weniger funktionaler Coping-Stil, eine höhere Aufmerksamkeits- und Entscheidungsimpulsivität, ein impulsiverer kognitiver Stil sowie eine negativere Einstellung als spezifische Merkmale einer IPD herausgestellt werden.</br> Schrift 2 des Kumulus bekräftigt den angenommenen Interaktionseffekt zwischen Trait- und State-Variablen im Hinblick auf die Bedeutsamkeit von Impulsivität und impulsiven Handlungstendenzen sowie Craving bei einer IPD. Außerdem zeigte sich, dass situative Faktoren wie die Konfrontation mit internetpornographieassoziierten Reizen internale Prozesse verstärken. Die Ergebnisse lassen die Annahme zu, dass insbesondere das impulsive System eine tragende Rolle in der Störungsentwicklung spielt. Das reflektive System, welches die Inhibitionskontrolle ausübt, scheint zumindest in frühen Phasen der Störungsentwicklung weniger beeinträchtigt zu sein.</br> Schrift 3 zeigt, dass auf behavioraler Ebene eine bessere Inhibitionsleistung mit einer höheren Symptomschwere verbunden ist. Auf neuraler Ebene geht die Inhibitionsleistung mit einer höheren Aktivität des interozeptiven Systems während des Inhibitionsprozesses sowie einer niedrigeren Aktivität desselben Systems während des Verarbeitungsprozesses der pornographischen Bilder einher. Die Symptomschwere einer IPD war außerdem mit einer niedrigeren Aktivität des reflektiven und interozeptiven Systems während der Verarbeitung pornographischer Bilder assoziiert. Dies deutet erstmals auf die signifikante Rolle des interozeptiven Systems in der Entwicklung und Aufrechterhaltung einer IPD hin, welchem eine ausgleichende Rolle zwischen dem reflektiven und impulsiven System zugesprochen wird.</br> Die Ergebnisse können anhand von Gewöhnungseffekten sowie motivationalen Anreizen, welche regulierende Prozesse verstärken, erklärt werden. Insgesamt erweitern die Ergebnisse des vorliegenden Kumulus den Stand der Kenntnis über die Beteiligung und das Zusammenspiel verschiedener Trait- und State-Variablen in die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer IPD. Sie ergänzen die Annahmen des I-PACE Modells sowie empirische Arbeiten zur IPD durch die weitere Differenzierung und Spezifizierung der Kernmerkmale (z.B. Craving, Coping-Stile und Impulsivitätsfacetten), die Identifikation von Wechselwirkungen zwischen Trait- und State-Variablen sowie durch Rückschlüsse von subjektiven, behavioralen und neuralen Daten auf biopsychologische Mechanismen. Des Weiteren bekräftigen die Ergebnisse die Annahme der starken Beteiligung des impulsiven Systems, das sich in Craving und impulsiven Handlungstendenzen zeigt.</br> Die behavioralen Daten der Inhibitionskontrolle heben eine geringere direkte Beteiligung des reflektiven Systems hervor. Jedoch ist es möglich, dass eine Stärkung des reflektiven Systems eine bewusste Rückgewinnung der Kontrolle über das impulsive System ermöglicht. In diesem Kontext scheint auch das interozeptive System eine entscheidende Rolle zu spielen. Somit weist die vorliegende Arbeit erstmals auf die Relevanz nicht nur des impulsiven Systems bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung einer IPD hin, sondern auf die Beteiligung dreier Systeme: des impulsiven, des reflektiven und des interozeptiven Systems. Basierend auf den Ergebnissen der kumulativen Dissertation sowie empirischen Ergebnissen und theoretischen Annahmen insbesondere des I-PACE Modells wurde abschließend ein Modell abgleitet, das die spezifischen Faktoren, Mechanismen und Prozesse der Entwicklung und Aufrechterhaltung einer IPD herausstellt.

Internet-Pornography-Use Disorder (IPD) is characterized by a reduction of control regarding the amount of Internet-pornography consumed, which is associated with an excessive use and results in negative consequences. Prevalence rates suggest that IPD is a phenomenon with serious clinical relevance, although there is no specific classification available yet. However, there are robust parallels between an IPD’s symptomatology and the symptomatology of substance-related and non-substance-related addictions.</br> The Interaction of Person-Affect-Cognition-Execution (I-PACE) Model by Brand et al. (2019) assumes that an interaction between relatively stable trait variables and situation-dependent state variables contribute to the development and maintenance of an IPD. Moreover, first studies indicate that mechanisms of incentive-sensitization, cue-reactivity, and craving increase the likelihood of developing symptoms connected to an IPD. This can causally be traced back to an imbalance between three neural systems: the impulsive, reflective, and interoceptive system.</br> This imbalance results from an increasing hyperactivity of the impulsive system, common within the course of an addiction process, and particularly occurs, when individuals with an IPD are confronted with Internet-pornography-associated cues. So far, no distinction has been made between individuals with a frequent but unproblematic Internet-pornography usage pattern and those with a problematic use of Internet-pornography with regard to relevant trait and state variables. Therefore, it is unresolved whether characteristics of an IPD empirically identified so far are indeed specific for the reduction in behavioral control. In addition, previous research has mainly focused on relevant mechanisms regarding the hyperactivity of the impulsive system. An additional consideration of situational influences on the functionality of the reflective and interoceptive system remains yet disregarded.</br> Also, possible interactions between trait and state variables are mostly unexplored. Precisely these research gaps are addressed within this cumulative dissertation, aiming at contributing to the understanding of factors, processes, and mechanisms involved in the development and maintenance of an IPD.</br> Article 1 emphasizes the central role of craving on the reduced control over the amount of Internet-pornography used. In addition, a dysfunctional and less functional coping style, higher attentional and decisional impulsivity, an impulsive cognitive style, and more negative attitudes regarding the use of Internet-pornography could be highlighted as specific characteristics of an IPD.</br> Article 2 affirms the predicted interactions between trait and state variables with regard to impulsivity and impulsive action tendencies, as well as craving in an IPD. Besides, it has been shown that situational factors such as the confrontation with Internet-pornography-associated stimuli intensify internal processes. These results allow the assumption that especially the impulsive system plays a major role regarding the development of an IPD. The reflective system, responsible for exerting inhibitory control, appears to be less affected at least in early stages of the disease.</br> Article 3 demonstrates that on a behavioral level a superior ability to exert inhibitory control is associated with higher symptom severity. On a neural level, inhibitory performance is associated with higher activity of the interoceptive system during the inhibitory control process as well as lower activity of the same system during pornographic image processing. Furthermore, symptom severity of IPD was associated with lower activity of the reflective and interoceptive system during pornographic image processing. For the first time this indicates a significant role of the interoceptive system, which is awarded a balancing role between the reflective and impulsive system, regarding the development and maintenance of an IPD.</br> These results can be explained by habituation effects as well as motivational incentives that increase regulatory processes. Overall, the results of the present dissertation extend the state of knowledge regarding the involvement and interaction of different trait and state variables in the development and maintenance of an IPD. They complement the assumptions of the I-PACE model as well as empirical work on IPD by further differentiating and specifying core characteristics (e.g., craving, copying styles, and impulsivity facets), identifying interactions between trait and state variables, and by inferring from subjective, behavioral and neural data to biopsychological mechanisms. Furthermore, the results corroborate the assumption of the impulsive system playing a central role, which manifests in craving and impulsive action tendencies.</br>The behavioral data on inhibitory control emphasize a less direct involvement of the reflective system. However, it is possible that strengthening the reflective system enables to regain control over the impulsive system. In this context, the interoceptive system also seems to play a crucial role. Thus, for the first time, the present dissertation points to the relevance not only of the impulsive system regarding the development and maintenance of an IPD, but to the involvement of three systems: the impulsive, the reflective, and the interoceptive system.</br> Finally, based on the results of this cumulative dissertation as well as further empirical findings and theoretical assumptions, particularly in the context of the I-PACE model, a model was derived which highlights specific factors, mechanisms, and processes involved in the development and maintenance of an IPD.

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Antons, S., 2019. Internet-Pornography-Use Disorder: Die Rolle von Trait- und State-Variablen sowie neuralen Mechanismen bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung einer problematischen Internetpornographienutzung. https://doi.org/10.17185/duepublico/70639
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