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Debiasing von Entscheidungsverhalten bei Corporate Foresight : Der Einfluss von Informationsvisualisierungen und Moderationshinweisen auf konfirmatorische Informationsverarbeitung bei Trendanalyse und -bewertung

Mecit, Haydar

In der vorliegenden Arbeit werden neue Ansätze zur Erforschung der konfirmatorischen Informationsverarbeitung eingesetzt (Confirmatory Information Processing). Eine derartige Informationsverarbeitung zeichnet sich dadurch aus, dass eine einstellungsbezogene Selbstbestätigungstendenz (Confirmation Bias) einen übermäßigen Einfluss auf das Entscheidungsverhalten von Personen bei der Auswahl und Bewertung von Informationen ausübt. Dieses kognitionswissenschaftlich bereits vielfach untersuchte Wirkprinzip spielt auch eine Rolle für das praxisbezogene Thema Corporate Foresight, welches aus dem Wirtschaftsingenieurwesen bzw. Technologiemanagement stammt. Dieser Begriff steht dort für eine systematische, unternehmerische Vorausschau in die Zukunft, bei der mittels unterschiedlicher Aktivitäten versucht wird, unternehmensrelevante Zukunftsszenarien zu antizipieren und Vorhersagen zu treffen (Prediction). In diesem Zusammenhang bezeichnet die Aktivität der Trendanalyse und -bewertung einen Vorgang, bei der Mitarbeiter/innen neue Informationen verarbeiten, insbesondere welche aus Prognosen zu Technologie- und Markttrends (Information Processing). Die dabei anfallenden Entscheidungen über die Auswahl und Bewertung solcher ungewissen Informationen, die zudem häufig widersprüchlich lauten, stellen Entscheidungssituationen unter Unsicherheit dar (Decision Making under Uncertainty). In den Kognitionswissenschaften ist bereits bekannt, dass das Entscheidungsverhalten von Personen in Situationen unter Unsicherheit häufig nachteilhaften, psychologischen Phänomenen unterliegen kann. Diese sind auf sog. Urteilsheuristiken und kognitive Verzerrungen zurückzuführen (Heuristics und Biases) und können in bestimmten Entscheidungssituationen wiederum zu Fehleranfälligkeiten führen. So kann ein/e Mitarbeiter/in z.B. bei ihren Entscheidungen zu Trendinformationen tendenziell von dem beeinflusst sein, was er/sie über ein entsprechendes Trendthema bereits denkt bzw. wie seine/ihre Einstellung hierzu im Vorfeld ist (Attitude). Seit Formulierung der Dissonanztheorie durch Festinger (1957) ist dies als selektive Informationssuche bekannt (Selective Exposure to Information). Damit wird die Tendenz bezeichnet, bei der Verarbeitung von Informationen übermäßig solche auszuwählen, die der eigenen Einstellung entsprechen. Diese unausgewogene Vorgehensweise geht zudem meist mit der von Lord, Ross und Lepper (1979) untersuchten Tendenz einher, diese Informationen auch für relevanter zu bewerten als Einstellungswidersprechende (Biased Assimilation). Die beiden Tendenzen können infolgedessen zu fehleranfälligen Informationsverarbeitungsprozessen führen. Ihre Effekte werden nach Fischer, Weisweiler und Frey (2010) unter dem übergeordneten Begriff der konfirmatorischen Informationsverarbeitung zusammengefasst. Im Corporate-Foresight-Kontext können derartige Informationsverarbeitungsprozesse zu einer unerwünschten, minderen Entscheidungsqualität bei dem Treffen von Vorhersagen führen. Die daraus resultierenden Fehleinschätzungen stellen reale Gefahren für die Strategieentwicklung dar und bergen damit auch Risiken für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens in Gänze. Neben dieser praktischen Relevanz ist es ebenso aufgrund bisher fehlender, psychologischer Forschungen in diesem Zusammenhang angezeigt, Untersuchungen zur Reduzierung kognitiver Fehleranfälligkeiten durchzuführen (Debiasing). Insbesondere fehlen Erkenntnisse zum Entscheidungsverhalten während einer potenziell konfirmatorischen Informationsverarbeitung im aufgezeigten Kontext. Der identifizierte Forschungsbedarf wird angegangen, indem die Wirksamkeit von Debiasing Maßnahmen untersucht wird (Debiasing Techniques), die auf der Corporate-Foresight-Methode des Technology Roadmapping basieren. Hierbei werden z.B. Workshops eingesetzt, in denen die Aufmerksamkeit teilnehmender Personen auf kausale Zusammenhänge zwischen visuell aufbereiteten Informationen per Moderator/in gesteuert wird (Attention Guidance). Diese Methode, mit ihren Kernelementen Informationsvisualisierungen und Moderationshinweise, wird zur Ausgestaltung eines experimentell zu untersuchenden Entscheidungszenarios herangezogen. Folglich werden diese beiden Kernelemente als Debiasing Maßnahmen operationalisiert, um ein erfolgreiches Eingreifen in fehleranfällige Informationsverarbeitungsprozesse zu ermöglichen und ihre Wirksamkeit zu untersuchen. Die entsprechenden Hypothesen besagen, dass derartige Maßnahmen zur Salientmachung kausaler Zusammenhänge inklusive Aufmerksamkeitssteuerung hierauf eine analytischere und ausgewogenere Informationsverarbeitung bewirken kann als ohne Einsatz solcher Maßnahmen. Denn aufgrund einer derart induzierten Vorgehensweise zur Informationsverarbeitung sollten alle vorliegenden Informationen gleichermaßen betrachtet und Zusammenhänge beachtet werden können. Letztendlich soll mittels kausalen Schlussfolgerns (Causal Reasoning) auch eine größere Offenheit (Open-Mindedness) gegenüber einstellungswidersprechenden Informationen bei Versuchspersonen erzielt und weniger einstellungskonformes bzw. einstellungswidersprechendes Entscheidungsverhalten bewirkt werden (Counterattitudinal Behavior). Als experimentelles Entscheidungsszenario wird die Corporate Foresight-Aktivität der Trendanalyse und -bewertung eingesetzt. Dabei wird passend zu dem psychologischen Wirkprinzip die Analyse, Auswahl und Bewertung neuer Informationen als Aufgabenstellung genutzt. Der aus einer Unternehmenspraxis stammende Gegenstand wird somit in theoriebasierte, psychologische Experimente und folglich in einen kognitionswissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand übersetzt. Als theoretischer Ausgangspunkt für die geplanten Untersuchungen wird ein auf der Dissonanztheorie von Festinger (1957) basierendes Forschungsparadigma nach Frey (1986) herangezogen. In drei Studienreihen werden die Debiasing-Maßnahmen als entsprechend untersuchbare Treatments operationalisiert und auf ihre Wirkung und Gültigkeit hin untersucht. Für die Forschungsarbeit werden Ergebnisse aus Pre-Tests und Studienreihen mit insgesamt rund 400 Versuchspersonen ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen auf, dass der Einfluss von Einstellung und die verzerrenden Effekte der konfirmatorischen Informationsverarbeitung durch den Einsatz der Treatments verringert werden können. Aufgrund weniger einstellungskonformen Entscheidungsverhaltens stellt sich die Informationssuche und -bewertung schließlich ausgewogener dar (Debiasing Confirmatory Information Processing). Neben den hypothesenkonformen Ergebnissen können zudem weitere Erkenntnisse berichtet werden. Der Nutzen für die Wirschafts- und Organisationspsychologie aus den gewonnenen Ergebnissen besteht u.a. im Erkenntnisgewinn für die Themengebiete des Entscheidungsverhaltens in Situationen der Unsicherheit, der konfirmatorischen Informationsverarbeitung und dem Treffen von Vorhersagen. Dies gilt insbesondere für das Debiasing, was mithilfe eines neuartigen Forschungsansatzes bewerkstelligt wird. Die Forschungsergebnisse können zudem für das Aufzeigen praktischer Maßnahmen im Corporate-Foresight-Kontext genutzt werden, deren wirkungsvolle Anwendbarkeit mithilfe psychologischer Untersuchungen experimentell validiert werden konnte.

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Mecit, Haydar: Debiasing von Entscheidungsverhalten bei Corporate Foresight. Der Einfluss von Informationsvisualisierungen und Moderationshinweisen auf konfirmatorische Informationsverarbeitung bei Trendanalyse und -bewertung. 2018.

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