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Neglecttherapie durch bilaterale multisensorische Stimulation - Eine Evaluationsstudie

Ackermann, Jochen

Hirngeschädigte Patienten mit Neglectsyndrom fallen durch die Nichtbeachtung von Reizen in der zur Schädigung kontralateralen Raum- und Körperhälfte auf, die Neglectsymptomatik zeigt sich dabei in unterschiedlichen Sinnesmodalitäten. Zielsetzung der vorliegenden Arbeit war die Erprobung und Evaluierung eines neuartigen multimodalen Therapieansatzes in der Neglectbehandlung. Das hier verwendete und bisher in der psychotherapeutischen EMDR-Traumatherapie (EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing) einge-setzte Stimulationsgerät ermöglicht eine seitenwechselnde multimodale (visuell, akustisch und taktil/sensorisch) Stimulation, mit dem Ziel der bilateralen Aufmerksamkeitsorientierung auch in den seitenspezifisch gestörten Wahrnehmungsbereich des Betroffenen. Bei 22 chronischen Neglectpatienten (64% Männer, Durchschnittalter 55 Jahre) wurde untersucht, ob sich durch das multimodale Stimulationstraining neben der Verbesserung seitenspezifischer Raumwahrnehmungsbeeinträchtigungen auch alltagsrelevante Effekte und Veränderungen der psychischen Befindlichkeit ergeben. Beachtenswert sind die vorliegenden Ergebnisse vor dem Hintergrund der Untersuchungsgruppe ausschließlich chronischer Neglectpatienten mit einer Erkrankungsdauer von mindestens 6 Monaten, im Durchschnitt 1.8 Jahre, im ambulan-ten Therapiesetting. Die Überprüfung der Therapieeffekte erfolgte zu 4 Testzeitpunkten. Als Kontrollgruppenäquivalent diente eine unbehandelte vortherapeutische Wartephase (5 Wo-chen), zudem wurde jeweils vor und nach der 3 wöchigen Stimulationstherapie untersucht, sowie nach einer unbehandelten nachtherapeutischen Wartephase (7 Wochen). Bei der Überprüfung der visuellen Wahrnehmung mittels computergestützter Messung der seitenspezifischen Reizauslassungen zeigten sich unter allen Bedingungen direkte signifikante Therapieeffekte mit einer spezifischen Effektstärke von bis zu Delta = 0.37 (unspezifisch bis zu Delta = 0.66), die sich jedoch nur teilweise als nachhaltig und zeitstabil erwiesen. Bei den Durchstreichaufgaben (paper-pencil-Tests) zeigten sich nur teilweise direkte signifikante Therapieeffekte. Bei mangelnder Testsensitivität und festgestellten Übungseffekten ergaben sich hier Fragen zur Validität der Neglectdiagnostikinstrumente. Bei der computergestützt gemessenen unspezifischen Reaktionsschnelligkeit zeigten sich direkte signifikante Therapieeffekte, die nicht nachhaltig waren. Das Ausmaß erlebter neglectbedingter Alltags-beeinträchtigungen konnte sich unter der Therapie teilweise reduzieren. Mit Blick auf die psychische Befindlichkeit hatte die Stimulationstherapie einen signifikanten positiven Einfluss sowohl auf die Ausprägung der Depressivität und Ängstlichkeit, als auch auf die Selbstwirk-samkeit, diese Therapieeffekte blieben zudem anhaltend stabil. Mit den unterschiedlichen Verbesserungen nicht nur in der Neglectsymptomatik, sondern auch im Transfer alltagsrelevanter Fähigkeiten und der psychischen Befindlichkeit, erscheint das durchgeführte multimodale Stimulationstraining eine Alternative in der Neglectbehandlung darzustellen.

Patients with brain damage and Neglect syndrome disregard stimuli in half of space and body contralateral to their lesion, Neglect symptoms may be evident in different modalities of the senses. Objective of this paper: testing and evaluation of a new multimodal therapy approach in the treatment of Neglect. The stimulation device employed here has so far been used in psychotherapeutic EMDR trauma therapy (EMDR: Eye Movement Desensitization and Reprocessing). It allows for a multimodal (visual, acoustical, tactile/sensory) stimulation alternating sides, with the aim of bilateral orientation of attention also for the side-specific impaired area of perception of the patient. In 22 Neglect patients in chronic state (64 % male, average age 55) it was investigated whether the multimodal stimulation training resulted in improvements of the side-specific impairment in space perception and whether it had an effect on activities of daily living and mental state. The outcome is particularly noteworthy because the study group solely included chronic Neglect patients with disease duration of six months minimum, average of 1.8 years, in an outpatient therapy setting. Therapy effects were assessed at 4 points in time: 5 weeks before therapy start (waiting period as equivalent to control group), immediately before and after 3-weeks-stimulation therapy-phase, follow-up after another 7 weeks (no treatment phase). Computer-based examination of visual perception by measuring side-specific misses of stimuli there were direct significant therapy effects in all conditions with a specific effect size up to delta=0.37 (non-specific up to delta= 0.66). These were however only partially sustained over time. Paper-pencil-tests showed only partially direct significant therapy effects. However, low test sensitivity and obvious practice effects, validity of the Neglect-diagnostic instruments was questionable. Computer-based measured non-specific response speed showed direct significant therapy effects which were not sustainable. The amount of subjective ADL-impairments due to the Neglect was partially reduced during therapy. The stimulation therapy had a significant positive impact on the mental state of subjects regarding manifestation of depression and anxiety as well as self-efficacy, these therapy effects remained stable over time. The diverse improvements not only of the Neglect symptoms but also the transfer into ADL relevant abilities and mental state seem to indicate that the multimodal stimulation training is an alternative choice in the treatment of Neglect.

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Ackermann, Jochen: Neglecttherapie durch bilaterale multisensorische Stimulation - Eine Evaluationsstudie. 2016.

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