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Freizeitaktivitäten am Nachmittag von koreanischen Kindern im Grundschulalter

Dormels, Sung Eun

In Korea haben sich gesellschaftliche Veränderungen ereignet, die in ihrer Geschwindigkeit fast beispiellos sind und einen großen Einfluss auf die Lebenssituation von Kindern in Korea hatten. Allerdings gibt es kaum umfangreichere Untersuchungen, die die Freizeitaktivitäten von koreanischen Kindern anhand theoretischer Überlegungen analysieren. Diesem Desiderat möchte vorliegende Arbeit, in dessen Mittelpunkt eine empirische Untersuchung zu den Freizeitaktivitäten koreanischer Kinder im Grundschulalter steht, abhelfen. Vorliegende Arbeit möchte somit stärker als die koreanischen Forschungen zu diesem Thema den theoretischen Rahmen (Verhäuslichung, Verinselung, Institutionalisierung) mit einbeziehen. Methodisch wird auf einen Methodenmix aus quantitativen und qualitativen Verfahren zurückgegriffen. Mit Hilfe eines Sieben-Tage-Fragebogens wurde ein umfassenderes Bild von den Freizeitaktivitäten und den Aufenthaltsorten der koreanischen Grundschulkinder geboten. Der Sieben-Tage-Fragebogen hatte somit für die quantitative Auswertung die größte Bedeutung (vor allem zur Erforschung des konkreten Zeitbudgets). Ergänzende Fragen zu den Aktivitäten der Kinder wurden auf dem Kinderfragebogen gestellt. Auch wurde, um das Phänomen der Verinselung besser beurteilen zu können, ein Mobilitätsbogen verteilt. Zur Interpretation der quantitativen Forschungen wurden qualitative Methoden wie Kinderinterviews und Gruppendiskussionen angewandt. Einzelfalluntersuchungen dienten zur Ergänzung und Illustrierung der Ergebnisse der quantitativen Untersuchungen. Für vorliegende Untersuchung waren zwei Gebiete ausgewählt worden, die sich in ihrer räumlich-materiellen und sozialen Struktur deutlich voneinander unterscheiden und zugleich typische Gebiete der heutigen Raumordnung Koreas repräsentieren. Es handelt sich zum einen um eine typische koreanische Hochhaussiedlung (Stadt Suwon, Paldal-gu Uman 2-dong) und zum anderen um ein Dorf (Stadt Jecheon, Gemeinde Susan) in einer der rückständigsten landwirtschaftlichen Regionen in einem hügeligen Umfeld. Die Untersuchungsgruppe umfasste in der Stadt 187 Schüler und auf dem Lande 85 im Alter zwischen 7 und 12 Jahren. Die Rücklaufquote der Fragebögen lag zwischen 89,8% und 97,3%. Bei der Auswertung und Interpretation der Ergebnisse wurden die regionalen Unterschiede, das Geschlecht, die Schulklasse und die Einkommensschicht berücksichtigt. Bei Einzelfallinterview wurden insgesamt fünf Kinder und ihre Mütter befragt. Darunter befinden sich zwei Schüler des zweiten Schuljahres und drei Schüler des sechsten Schuljahres. Im Hinblick auf das Aktivitätenspektrum der koreanischen Grundschulkinder fällt die Fixierung auf das Lernen auf. Davon zeugt nicht nur der hohe Anteil der koreanischen Stadtkinder, die Nachhilfeinstitute besuchen, sondern auch die Tatsache, dass spielerische und gestalterische Aktivitäten in Deutschland wesentlich häufiger durchgeführt werden als in Korea. Während die Tatsache, dass bereits Grundschüler häufig fernsehen, ein globaler Trend darstellt, so zeigt ein Vergleich zwischen deutschen und koreanischen Kindern, dass letztere wesentlich häufiger am Computer sitzen. Auch treiben die Kinder in Deutschland mehr Sport als ihre koreanischen Altersgenossen. Allerdings musizieren die koreanischen Stadtkinder mehr als die Kinder in Deutschland. Insgesamt kann man aber sagen, dass das Aktivitätenspektrum koreanischer Kinder verhältnismäßig klein ist. Die hohe Zahl der festen Termine koreanischer Stadtkinder, über 80% haben sechs Termine oder mehr, fällt auf. Infolge der Industrialisierung sind die Räume zum Spielen für die Kinder reduziert worden und aufgrund der zahlreichen Termine ist die Möglichkeit für die Kinder, an einem Ort gemeinsam zu spielen, beschränkt. Somit ist es schwierig geworden, ohne eine Verabredung gemeinsam mit anderen Kindern zu spielen. Praktisch alle koreanischen Kinder verbringen einen Teil ihrer Freizeit zuhause, relativ selten besuchen sie ihre Freunde. Zweitwichtigste Aufenthaltsorte am Nachmittag für die koreanischen Kinder sind die Orte, an denen Nachhilfe- bzw. Zusatzunterricht angeboten wird. In der Stadt Suwon sind dies die Nachhilfeinstitute und im ländlichen Susan die Schulräume. Auf öffentlichen Straßen spielen die Stadtkinder fast überhaupt nicht. Für sie hat die Straße ihre Bedeutung als Spielort verloren. Koreanische Grundschulkinder sind mit Mobilitätsraten von 4,3 (Suwon), 3,9 (Susan, Dorfkern) bzw. 3,2 (Susan, Peripherie) im Durchschnitt ähnlich mobil wie die Kinder im deutschsprachigen Raum. Es ist jedoch eine Tendenz beobachtbar, nach der mit zunehmendem Verstädterungsgrad die Anzahl der Wege steigt. Grund dafür sind die zahlreichen Nachhilfeinstitute in den Städten. Die wichtigsten Transportmittel der Kinder in der Stadt zu nachmittäglichen institutionalisierten Angeboten sind die Füße. Die Rolle, die der Pkw in Deutschland beim Transport von Schulkindern hat, wird in Korea zum großen Teil von den Schul- und Institutsbussen übernommen. Der wichtigste und am leichtesten operationalisierbare Indikator dafür, ob ein Kind als verhäuslicht oder nicht-verhäuslicht einzustufen ist, ist die Zeit, die ein Kind draußen spielend verbringt. Allerdings gibt es keine absoluten Werte, die die verhäuslichten von den nicht-verhäuslichten trennen. Das Adjektiv „verhäuslicht“ kann somit hier nur relativ verwendet werden. Vorliegende Studie zeigte, dass die untersuchten koreanischen Kinder im Sommer im Durchschnitt lediglich 33 Minuten (Untersuchungsort Stadt Suwon) bzw. 36 Minuten (Untersuchungsort Gemeinde Susan) draußen spielen. Dies ist extrem wenig, vergleicht man die Werte, die Studien im deutschsprachigen Raum ergeben haben, auch wenn letztere zwischen 3,2 Stunden, 2,5 Stunden und 1,6 bzw. 1,4 Stunden schwanken. Das Phänomen der Verhäuslichung lässt sich sowohl in der Stadt wie auch auf dem Lande feststellen, wobei das Phänomen in der Stadt besonders stark ausgeprägt ist. Ermittelt man demzufolge alle Wege, die von den koreanischen Kindern mit motorisierten Verkehrsmitteln zurückgelegt werden und länger dauern als 10 Minuten, so beträgt dieser Anteil an allen Wegen in der Stadt 15,1%, im Dorfkern von Susan 10,5% und in der Peripherie 75%. Die Ergebnisse vorliegender Studie legen somit nicht nahe, im Zusammenhang mit koreanischen Grundschulkindern von Verinselung zu sprechen. Bei den Stadtkindern liegen die Orte der zahlreichen Termine so nahe beieinander, dass sie in kurzer Zeit erreicht werden können. Auch die Kinder des Dorfkerns werden selten zu Terminen an weit entlegenen Orten gefahren. Wenn man den Begriff der Insel auch für ländliche Gebiete gelten lassen will, so könnte man höchstens im Hinblick auf die Kindern in der Peripherie von Susan von den Inseln Wohnort und Schulort sprechen, nämlich dann, wenn die Kinder soweit von der Schule entfernt leben, dass ihr Weg zur Schule, in der auch Nachmittagstermine absolviert werden, mit dem Bus länger als 10 Minuten dauert. Während in Deutschland institutionalisierte Tätigkeiten häufig mit Aktivitäten in einem Verein im Zusammenhang stehen, besteht in Korea eine Hakwon-Kultur. Orientiert sich die Tätigkeiten der deutschen Kindern in den Vereinen in der Regel an den Neigungen und Fähigkeiten der Kinder (Sport/ Kunst), so hat der Hakwon-Besuch in Korea das Ziel, die Lernleistung für die wichtigen Schulfächer zu erhöhen. Welche Entwicklungen sind für die Zukunft zu erwarten. Möglicherweise wird es eine, wenn auch sehr langsame, Annäherung der Freizeitaktivitäten zwischen Kindern in Ostasien und Europa geben. Einerseits erhöht sich auf Grund der steigenden Anforderungen, die die Arbeitgeber auch in Deutschland erheben, auch in Deutschland der Druck auf die Schüler, so dass im Laufe der Globalisierung auch hier ein Anstieg von Nachhilfe bereits bei Grundschülern zu erwarten ist. Andererseits könnten in Korea die sinkenden Geburtenzahlen dazu führen, dass die Konkurrenz um die besten Studienplätze geringer wird, was den Druck auf die Kinder reduzieren könnte. Aber das allein wird freilich nicht ausreichen. Eine Bewusstseinsveränderung sowie konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der koreanischen Kinder auf der Gesundheits-, Wohnumwelt-, Gesellschafts- und Bildungsebene werden ebenfalls notwendig sein.

In Korea social changes have occurred, which are almost unprecedented in their speed and had a major impact on the lives of children in Korea. However, there are few comprehensive studies that analyze the afternoon activities of Korean children based on theoretical considerations. This study which is an empirical investigation on afternoon activities of Korean children in the primary school age has the goal to fill this gap. This study aims to involve the theoretical framework (domestication, insularization and institutionalization) more than the Korean research on this topic. Methodically a method mix of quantitative and qualitative methods will be applied. Using a seven days questionnaire, a more comprehensive picture of the activities and whereabouts of the Korean primary school children could be offered. Therefore the seven days questionnaire had the most important impact (especially for the study of concrete time budgets) on the quantitative evaluation. Additional questions about the activities of children were provided on the children's questionnaire. Also a mobility questionnaire was distributed to better assess the phenomenon of insularization. To interpret the quantitative research, qualitative methods such as child interviews and group discussions were applied. Case studies served as supplement and illustration of the results of the quantitative studies. For this study two areas had been selected, which differ significantly geographic and in their social structure. However both represent typical areas of today's development of Korea. One is a typical Korean high-rise residential area (city Suwon Paldal-gu Uman 2-dong) and the other (city Jecheon community Susan) a village in one of the most backward agricultural regions in a hilly setting. Investigation groups included 187 pupils in the city and on the countryside 85 pupils between 7 and 12 years of age. The response rate for the questionnaires was between 89.8% and 97.3%. Regions, gender, school classes and the income categories were considered in the evaluation and interpretation of results. For the case studies five children and their mothers were interviewed, two pupils of the second school year and three pupils of the sixth school year. The fixation on learning stands out in terms of the activity spectrum of Korean pupils. It is not only the high proportion of urban Korean pupils visiting tutoring institutes but also the fact that playful and creative activities are carried out much more frequently in Germany than in Korea. While it is a global trend that already primary school children are often watching television, then a comparison between German and Korean children shows, that the latter are spending more time sitting in front of the computer. Also, children in Germany are practicing more sport than their Korean peers. However, urban Korean children are practicing more music than children in Germany. Overall, one can say that Korean children’s activity spectrum is relatively small. The high numbers of fixed dates of urban Korean children, over 80% have six fixed dates or more, stands out. Space to play for the children has been reduced as a result of industrialization and the opportunity for children to play together in one place is limited due to the numerous events. Thus, it has become difficult to play without an appointment with other children. Virtually all Korean children spend part of their free time at home, and relatively rarely visit their friends. Second most important places of stay in the afternoon for the Korean children are the places where tuition or additional education is offered. In the city of Suwon this are tutoring institutes and in the rural Susan school rooms. On public roads the urban children do not almost play at all. The road has lost its importance as a venue for them. Korean pupils are similar mobile like children in the German speaking area with mobility rate of 4.3 (Suwon), 3.9 (Susan, village) or 3.2 (periphery Susan) on average. However, there is a tendency that through a higher degree of urbanization the number of ways is increasing as well. The numerous tutoring institutes in the cities are the reason. The most important means of transport for children in the city to their afternoon institutionalized offerings are their feet. Where in Germany school children are often transported by car, this role is taken over by school or institution buses in Korea. The most important and most easily operational indicator to show if a child is domesticated or not is measured through the time the child spends outside playing. However, there are no absolute values which differ between the ones who are domesticated or not. So the only possibility to distinguish the ones who are domesticated or not will be compare children in different countries and to decide that children in one country are more domesticated than in another. This study shows that the examined Korean children spent an average of only 33 minutes (City Suwon) or 36 minutes (Community Susan) playing outdoors in summer. This is extremely little, comparing these results to examinations in German-speaking countries studies, even though the latter differ between 3.2 hours, 2.5 hours and 1.6 and 1.4 hours. The domestication phenomenon can be found in the city as well as on the countryside however we can say that the phenomenon in the city is particularly strong. While the question of whether one can say that children in Korea are domesticated can be affirmed, the question needs to be raised of whether they live in an insularizated environment. If we speak of insularization, there must be a certain remoteness we can measure in distance or time between the places in which the children stay and act. In the present study we speak about an islands if - 1 the children during transport are dependent on motorized transport, and - 2 the time between one place to another takes more than 10 minutes being transported by motorized vehicles. If one calculates therefore all ways which are completed by Korean children by motorized transport and a longer duration than 10 minutes then those represent in the city 15.1%, in the village center of Susan 10.5% and in the periphery 75% of all ways. Thus, the results of this study do not suggest speaking of insularization in connection with Korean pupils. For urban pupils places of many appointments are so close to each other, the ways can be reached in a short time. The children of the village center are rarely driven to appointments to far in remote localities. If one wants that the concept of the island also works for rural areas, one could speak in regard to children living in the periphery of Susan from the islands home residence and school, namely when the children who live as far away from school that their way to school where they also attend classes in the afternoon, take longer than 10 minutes by bus. While in Germany institutionalized activities are often related to activities in a club, we find a Hakwon culture in Korea. When the activities of German children in clubs generally orientate on the inclinations and abilities of children (Sports/ Arts), the Hakwon visit in Korea has the aim to improve the learning performance for important subjects. What developments are to be expected for the future? Maybe there will be a very slow convergence of activities between children in East Asia and Europe. On the one hand the pressure on pupils increases due to the increasing demands of employers in Germany. Therefore we can expect, due to globalization that also in Germany the numbers for tuition for pupils is expected to increase. On the other hand the decreasing numbers of births in Korea could result in a reduce of the pressure on pupils, as the future competition for the application for a place at the best universities will be lower. But this alone is not enough of course. A change of awareness and concrete measures to improve the situation of Korean children at the health, living environment, social, and educational levels is also necessary.

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Dormels, Sung Eun: Freizeitaktivitäten am Nachmittag von koreanischen Kindern im Grundschulalter. 2010.

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