Intellektuelles Geschwätz : Intellektualistischer Sprachstil als erfolgreich scheiternde Einrichtung zur Erzeugung von Übersinn.

Schmitz, Ulrich LSF

Intellektualistische Texte haben einen eigenen Stil. Man kann ihn vor allem an zwei themenunabhängigen Merkmalen erkennen, die als durchgängig immer wiederkehrende (= obstinate) Zeichen den ganzen Text kennzeichnen. Zum einen werden viele Wörter verwendet, die im Alltag selten oder gar nicht vorkommen, und zwar häufig so, daß der gleiche Gedanke mit gebräuchlicheren Worten ebenso treffend oder sogar besser und richtiger ausgedrückt werden könnte. Zum anderen werden Sätze derart lang und verschachtelt konstruiert, daß der Leser mehr Mühe zur Analyse des Satzes als zum Verständnis der vorgetragenen Gedanken verwenden muß. Solch intellektualistischer Stil speist sich aus einer Mischung von vorgetäuschter Expertise und sozialem Autismus: der sprachliche Aufwand ist höher als der gedankliche, damit der Verfasser sich als Mitglied seiner intellektuellen Kaste ausweist und dadurch höheres Ansehen erschleicht, daß er anderen gegenüber unverständlich erscheint. Intellektualistischer Stil hat eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Als erfolgreich scheiternde Einrichtung zur Erzeugung eindrucksvoll abschreckenden und kaum mitteilbaren Übersinns riegelt er einerseits Geisteskraft von öffentlicher Diskussion ab und erleichtert andererseits die Abschiebung von Verantwortung auf professionalisierte Experten. Es gibt aber mehrere Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren.

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Schmitz, Ulrich: Intellektuelles Geschwätz. Intellektualistischer Sprachstil als erfolgreich scheiternde Einrichtung zur Erzeugung von Übersinn.. 2012.

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