Von Bauingenieurinnen und Sozialarbeitern : Studien(fach)wahlen im Kontext von sozialem Milieu und Geschlecht

Der Weg an eine Hochschule und in ein spezifisches Studienfach wird nach wie vor grundlegend durch die soziale Herkunft wie auch das soziale Geschlecht beeinflusst. Mit dieser Arbeit soll ein Beitrag zu der Frage geleistet werden, wie soziale Ungleichheit beim Zugang zur Hochschule, speziell beim Zugang zu spezifischen Studienfächern, zu erklären ist und wie soziales Milieu und Geschlecht hier zusammenwirken. Dazu werden die Perspektiven der Geschlechterforschung auf Bildungs- und Berufsentscheidungen aufgearbeitet, um sie anschließend mit dem Habituskonzept von Bourdieu (1982) und der daran anschließenden Milieuforschung nach Vester und anderen (2001) konzeptionell zu verbinden. Auf dieser Grundlage wird das Konzept der vergeschlechtlichten und vergeschlechtlichenden Milieuhabitus entwickelt, um Studien(fach)wahlen zu betrachten. Diese theoretische Basis wird anschließend empirisch fundiert, indem die Studien(fach)wahlen von Erstsemesterstudierenden aus der Sozialen Arbeit und dem Bauingenieurwesen an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften analysiert werden. Mit der Methode der Habitushermeneutik (Teiwes-Kügler/Lange-Vester 2018; Bremer/Teiwes-Kügler 2013b) wird den sozialen Logiken nachgespürt, denen diese Entscheidungsprozesse folgen.

So wird empirisch herausgearbeitet, wie die antizipierte Passung zu einer Fachkultur und einem Beruf im Zusammenspiel von sozialem Milieu und Geschlecht entsteht und wie diese eingebettet ist in die (vergeschlechtlichte) Lebensführung und -planung. Im Ergebnis wird gezeigt, dass die Entscheidung, ob und warum überhaupt ein Studium aufgenommen wird, primär durch das soziale Milieu bestimmt ist – ‚Frauen‘ und ‚Männer‘ eines sozialen Milieus verbindet hier mehr als sie trennt. Grundlegende habitusspezifische Muster und die spezifische Kombination von Habituszügen wie die von Gemeinschaftsorientierung, Disziplin, Aufstiegsstreben oder Traditionsorientierung sind Ergebnis der Sozialisation an einem bestimmten sozialen Ort und prägen die Studienaufnahme für die Angehörigen beider Genusgruppen entscheidend. Innerhalb dieses milieuspezifischen Rahmens prägt das soziale Geschlecht den weiteren Möglichkeitsraum der Studienfachwahl: So liegt der Weg von Männern in die Soziale Arbeit insbesondere in den Milieus nahe, in denen die Werte von Gemeinschaft und kooperativen Aushandlungsprozessen sowie eine Distanz zu Prestige- und Statusorientierung vorherrschen. Der Weg von Frauen in das Bauingenieurwesen wiederum kann durch verschiedene milieuspezifische Orientierungen geebnet werden – etwa durch eine Orientierung an (beruflicher) Autonomie oder an familiärer Tradition – und wird maßgeblich flankiert von beruflich-fachlichen Vorbildern.

The decision to study a specific subject at a university is still fundamentally influenced by social background and gender. This thesis aims to explain how social inequality constitutes in the access to higher education by answering the leading question, how social milieu and gender interact in the decision for a specific course of studies. For this purpose, we begin by taking a closer look at the perspectives of gender research on educational and professional decisions. These perspectives will be combined with the habitus-theory by Pierre Bourdieu (1982) and the milieu-analysis by Michael Vester an others (2001). Against this background, the concept of gendered and gendering milieu-habitus is developed to analyze educational decisions. In this perspective, educational decisions are embedded in the entire (gendered) lifestyle and planning such as ideas of family organization.

This theoretical basis is then applied empirically by analyzing decisions for specific courses of studies comparing first-semester students of civil engineering and social work at a University of Applied Sciences. By using the method of “Habitus-Hermeneutics” (Teiwes-Kügler / Lange-Vester 2018; Bremer / Teiwes-Kügler 2013b), the principles of action of habitus that affect the students decisions
are explored.

The results show that the decision for higher education in general is primarily affected by social milieu; in this regard, the decisions of ‚women‘ and ‚men‘ of the same social milieu follow similar habitus-specific logics. These fundamental habitus-specific logics and their specific combination are the result of socialization in a certain social milieu and influence educational decisions for the members of both gender groups. Within this milieu-specific framework, social gender shapes the further scope for the choice of subjects: To study social work as a man is a decision which fits especially to social milieus in which values of community and cooperative processes of negotation are leading. At the same time, these decisions are often accompanied by a distance from prestige and status orientation. To study civil engineering as a woman, in turn, is more likely to be found in different social milieus, shaped by various orientations, for example towards autonomy as well as towards family tradition.

Cite

Citation style:
Could not load citation form.

Rights

Use and reproduction:
This work may be used under a
CC BY 4.0 LogoCreative Commons Attribution 4.0 License (CC BY 4.0)
.