Soziokulturelle Aspekte von Entwicklung, Partizipation und Gender : Analysen und Empfehlungen
Die Berücksichtigung von soziokulturellen Faktoren (SKF) von Entwicklung, von Partizipation, verstanden als Bevölkerungsbeteiligung an entwicklungspolitischen Entscheidungen, und von Gender-Aspekten in der deutschen staatlichen wie auch nichtstaatlichen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) hat seit den 1970er Jahren in unterschiedlicher Intensität Eingang in Konzepte und Strategiepapiere gefunden. Einerseits bezweifelt heute niemand mehr, der in der EZ Verantwortung trägt, dass diese drei übersektoralen Handlungsfelder für die Nachhaltigkeit von Entwicklungsvorhaben von erheblicher Bedeutung sind. Andererseits ist bis auf den Gender-Bereich seit 20 Jahren weder hinsichtlich Partizipation noch mit Blick auf die SKF eine konzeptionelle Fortentwicklung zu beobachten. Gleichzeitig geraten ältere, aber nie ersetzte oder neu formulierte Konzepte des BMZ, immer mehr in Vergessenheit. Die vor allem als Arbeitshilfen und Handreichungen im operativen Bereich verfügbaren Handlungsempfehlungen zu SKF und zur Bevölkerungsbeteiligung verlieren dadurch an Durchsetzungskraft, sodass sie in scheinbar zielgruppenfernen Vorhaben kaum und in anderen Projekten und Programmen oftmals erst im Verlauf der Implementierung thematisiert werden. Zusammen mit Gender-bezogenen Zielen geraten sie dabei nicht selten in den Hintergrund und spielen damit nicht mehr die Rolle, die sie eigentlich für die Förderung der Nachhaltigkeit von Maßnahmen und zur Unterstützung des Empowerments der Bevölkerung einnehmen sollten. Umgekehrt zeigen zahlreiche Beispiele aus der Praxis, dass sowohl auf nationaler als auch regionaler Ebene bis hin zu den Landgemeinden (unter Berücksichtigung sämtlicher entwicklungspolitischer Instrumente) EZ-Vorhaben nur dann ihre Wirkungen nachhaltig erzielen können, wenn die soziokulturellen Bedingungen für die geplanten Maßnahmen frühzeitig in Erfahrung gebracht und gleichzeitig die umfassende Beteiligung der betroffenen Menschen an den notwendigen Entscheidungen eingeleitet werden. Beide Bereiche bedingen sich gegenseitig und sind ohne den jeweilig anderen nicht umsetzbar. Auch mit Blick auf die Förderung von Gender-Gerechtigkeit ist eine breite, frühzeitige und ambitionierte Festlegung von Gender-Zielen und Aktivitäten hilfreich, um gerade in soziokulturell schwierigem Umfeld Veränderungen für Frauen und Mädchen erreichen zu können. Entsprechend bilden auch Gender, Partizipation und die SKF eine Analyse- und Handlungseinheit. Die Berücksichtigung soziokultureller Entwicklungsaspekte, die umfassende Partizipation aller Stakeholder an wichtigen sie betreffenden Entscheidungen sowie die Umsetzung einer Gender-gerechten Politik ist unabhängig von der Interventionsebene und den eingesetzten EZ-Instrumenten relevant. So ist die Kenntnis der Machtstrukturen unter den staatlichen Eliten für den Erfolg eines nationalen Governance-Programms ebenso wichtig wie das Wissen über die lokale Machtverteilung im Dorf für das Gelingen eines Handpumpenprojektes. Aus den in diesem Beitrag aufgearbeiteten Fallbeispielen ‚Guter Praxis‘ ergeben sich Empfehlungen, die auch das Ziel haben, der Bedeutung von SKF sowie der Bevölkerungsbeteiligung den gebührenden Stellenwert wiederzugeben. Dies könnte erfolgen, indem das BMZ ein umfassendes Zielgruppenkonzept einschließlich eines institutionellen Analyserahmens vorlegt, das beide Bereiche vereinigt und darüber hinaus Genderaspekte und die Förderung von benachteiligten ethnischen, sozialen oder religiösen Gruppen sowie von Indigenen einbezieht. Darüber hinaus plädieren die AutorInnen mit Blick auf die Gender-Gerechtigkeit dafür, bis auf begründete Ausnahmen stets Gender-Ziele mit in die Zielsetzung aufzunehmen und in der Wirkungsmatrix mit Indikatoren zu belegen (mit der allerdings gut begründeten OECD/DAC-Einstufung GG1). Zudem sollten mehr Vorhaben als bisher Gender-Gerechtigkeit als Hauptziel formulieren und entsprechend im Zielsystem verankern (OECD/DAC-Einstufung GG2).
