Sozialunternehmen in der Landwirtschaftsförderung : Das One Acre Fund Modell in Kenia
Die vorliegende Studie untersucht das von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) geförderte Sozialunternehmen One Acre Fund (OAF) in Kenia. Hierbei wird über die Bewertung der sozialen Wirkung hinausgehend das Sozialunternehmen auch als entwicklungspolitischer Akteur verstanden und analysiert. Im Rahmen einer Feldstudie wurden Intensivinterviews, Fokusgruppendiskussionen (FGD) und eine Haushaltsumfrage mit Bäuerinnen und Bauern sowie Mitarbeitenden des OAF durchgeführt und um ExpertInneninterviews ergänzt. Dabei lag ein besonderer Fokus auf den Wahrnehmungen und Bewertungen der Landwirte. Der One Acre Fund ist ein unter 501(c)(3) in den USA als gemeinnützige Nichtregierungsorganisation (NRO) registriertes Sozialunternehmen, das über einen weitestgehend holistischen Ansatz der Landwirtschaftsförderung kleinbäuerliche Haushalte unterstützt. Das Unternehmen begann 2006 seine Aktivitäten im Westen Kenias, konnte diese jedoch mittlerweile in weitere Teile des Landes und im Kernprogramm über Ländergrenzen hinweg in Ruanda, Tansania, Burundi, Malawi, und Nigeria etablieren. Das holistische Modell des OAF sieht eine Kombination verschiedener entwicklungspolitischer Interventionen vor und folgt dem Grundgedanken, dass eine kombinierte Bereitstellung von Zugang zu Krediten, Betriebsmitteln und Trainings in der Landwirtschaft eine höhere Wirkung erzielt als die isolierte Verbesserung nur einer der genannten Aspekte. Der Kredit wird nur in Sachform für Betriebsmittel oder landwirtschaftliche Güter und Konsumgüter vergeben, um sicherzustellen, dass der Kredit weitestgehend produktiv verwendet wird. Das begleitende Training sichert dabei den ökonomischen Erfolg ab. Die Studie zeigt, dass die holistische Herangehensweise durchaus positive Effekte auf das Haushaltseinkommen auslöst und ganz besonders die Grundnahrungsmittelversorgung durch eine Steigerung der Subsistenzproduktion erhöht wird. Das Angebot des OAF ist mittlerweile diversifiziert, die KundInnen fragen jedoch vor allem Maissaatgut und Düngemittel nach. Die verbesserte Versorgung mit Grundnahrungsmitteln und die leicht gesteigerten Einkommen führen zu einer Reduktion von konkurrierenden Bedürfnissen. Monetäres Einkommen muss seltener für Grundnahrungsmittel ausgegeben werden und wird nach Angaben der Bäuerinnen und Bauern alternativ vor allem für Schulbildung und verbesserten Konsum, im Sinne einer nährstoffreicheren Ernährung, verwendet. Hiermit werden zentrale entwicklungspolitische Ziele bedient. Das Modell des OAF in Kenia zeigt, dass sozialunternehmerische Ansätze eine sehr hohe Reichweite erzielen können. Das dezentral strukturierte und dadurch schnell skalierbare Geschäftsprinzip erreichte im Jahr 2021 über 1.400.000 Haushalte auf dem afrikanischen Kontinent, ca. 500.000 davon in Kenia. Der OAF stellt qualitativ hochwertige Betriebsmittel bereit und verschafft den ländlichen Haushalten über das Kreditmodell einen deutlich verbesserten Zugang zu landwirtschaftlichen Gerätschaften und anderen Produkten zur Verbesserung der Lebenssituation. Das unternehmerische Prinzip stellt jedoch eine Hürde für tiefergehende entwicklungspolitische Interventionen dar. Eine Anpassung der landwirtschaftlichen Praktiken im Sinne eines agrarökologischen Anbaus erfordert intensive Beratungsleistungen. Eine Erhöhung dieser Trainings führt jedoch unweigerlich zu einer Erhöhung der Kosten für ein Sozialunternehmen und gefährdet die Wirtschaftlichkeit, nach der diese über entsprechende Indikatoren im Rahmen der Förderung durch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit (EZ) unter anderem bewertet werden. Die gleichzeitige Reduktion von input-intensiven Anbausystemen schmälert den Absatz und steht damit im Gegensatz zu den generischen Interessen eines (Sozial)Unternehmens. Im Bereich der nachhaltigen Landwirtschaft sind Sozialunternehmen entsprechend nur bis zu einem gewissen Punkt in der Lage, die Verbreitung von angepassten Anbaumethoden zu fördern. Mit der immer stärkeren Präsenz des OAF als Anbieter für landwirtschaftliche Betriebsmittel nimmt dieser eine starke Rolle auf dem kenianischen Markt ein und bedient auf lokaler Ebene eine Vielzahl von Haushalten. Dies hat unweigerlich Auswirkungen auf bestehende Marktakteure, aber auch auf die allgemeine Entwicklung des Marktes. Dieser Effekt wird durch die Etablierung eines Netzes von Einzelhandelspunkten des OAF verstärkt, wodurch der Fokus auf kleine Betriebe aufgegeben wird und Produkte des OAF von Bäuerinnen und Bauern außerhalb des Kernprogramms bezogen werden können. Ob diese Wirkung im Sinne einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung ist und ob die systemischen Auswirkungen dieser starken Präsenz des OAF als geber-gefördertes Sozialunternehmen auf dem kenianischen Markt positiv zu bewerten sind, muss für die weitere Förderung aus entwicklungspolitischer Perspektive geprüft werden.
