Ganzheitliche Landwirtschaftsförderung in Madagaskar : Ein Fallbeispiel aus der deutschen Technischen Zusammenarbeit

Im Rahmen des vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) geförderten und durch das Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität-Duisburg-Essen durchgeführten Forschungsvorhabens „Wege aus Armut, Vulnerabilität und Ernährungsunsicherheit“ sollen Beispiele einer wirkungsvollen Erreichung armer Menschen und ihre nachhaltige Herausführung aus der Armut mit Unterstützung durch die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) in Form von Good Practices bearbeitet werden. Die identifizierten Beispiele werden im Rahmen von Sekundäranalysen und Vor-Ort-Studien mit Blick auf ihre Wirkungen untersucht. Dabei wird insbesondere der Frage nach den Wirkungsbedingungen nachgegangen, d.h.: Wie sieht der jeweilige Kontext aus? Was wirkt hier und warum? Am Ende der Studien lautet eine abschließende Frage: Lassen sich der gewählte Ansatz und die Vorgehensweise des untersuchten Vorhabens auch auf andere EZ-Beiträge in der Region oder sogar in anderen Ländern übertragen? Auf Grundlage der Analyseergebnisse werden Empfehlungen für die deutsche staatliche Entwicklungszusammenarbeit (EZ) hinsichtlich der besseren Erreichbarkeit armer Bevölkerungsgruppen ausgearbeitet.

Das untersuchte Vorhaben der deutschen EZ, „Anpassung landwirtschaftlicher Wertschöpfungsketten an den Klimawandel“ („Adaptation des chaînes de valeur agricoles au changement climatique“, PrAda), implementiert durch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Süden Madagaskars, unterstützt seit Ende 2017 arme Bäuerinnen und Bauern in insgesamt neun Wertschöpfungsketten (WSK): Kaffee, Ingwer, Nelken, Pfeffer, Vanille, Honig, Zwiebeln, Erdnüsse und Küstenfischerei. Vor allem durch Ausbildung, Beratung zu Produktion, Verarbeitung und Vertrieb der Produkte sowie der Förderung der Zusammenarbeit der Bevölkerung innerhalb von ProduzentInnen-Organisationen sollen die Einkommen der ländlichen Bevölkerung stabilisiert und wo immer möglich gesteigert werden.

Die Förderung erfolgt in direkter Zusammenarbeit mit bestehenden privaten, halbstaatlichen und staatlichen Institutionen wie HändlerInnen und Handelsorganisationen, Landwirtschafts- und Handelskammern, den regionalen Landwirtschaftsbehörden und dem nationalen Landwirtschaftsförderfonds. Eine weitere Komponente ist die Unterstützung der Agro-Meteorologie im nationalen und regionalen Maßstab, besonders relevant für die Küstenfischerei, die im Rahmen des Klimawandels mit zunehmenden Windereignissen zu kämpfen hat, die eine Ausfahrt zum Fischfang zur Gefahr werden lassen und auch ganz verhindern können. Die Wetterinformationen sind zudem wichtig für die landwirtschaftliche Planung, da der aktuelle Beginn der Regenzeit in Madagaskar immer öfter nicht mehr mit dem traditionellen Anbaukalender übereinstimmt. Hinzu kommen Versicherungen gegen Klima- bzw. Wetterrisiken für die Landwirtschaft. Darüber hinaus werden in den zum Teil extrem isolierten Interventionszonen des Projektes Marktinformationen gesammelt und auf digitalem Wege (per Mobiltelefon) verbreitet.

Im November und Dezember 2021 wurde vom INEF in der Hauptstadt der Provinz Anosy, Fort Dauphin (auch als Tolagnaro bekannt), unter Leitung des Verfassers und einer madegassischen Agrarwissenschaftlerin ein Forschungsteam zusammengestellt, das im Rahmen von qualitativen (vor allem Fokusgruppendiskussionen, Einzelinterviews, Dorfbegehungen und nicht-teilnehmenden Beobachtungen) und quantitativen Methoden (Haushaltsbefragung mit 526 Befragten) eine Wirkungsanalyse des Projektes durchführte. Dabei stand die Förderung von Wertschöpfungsketten (WSK) u.a. in den Bereichen Erdnuss- , Honig- und Vanille-Produktion im Mittelpunkt. Weitere berücksichtigte WSK waren Gewürznelken, Ingwer, Kaffee und der Fischfang.

Die drei Provinzen Antsimo Antsinanana, Anosy und Androy, in denen PrAda insgesamt rund 16.000 kleinbäuerliche Haushalte (hh) unterstützen möchte, gehören zu den ärmsten Madagaskars. Die meisten Gebiete sind aufgrund mangelnder Verkehrsinfrastruktur nur schwer zugänglich, was die Versorgung mit landwirtschaftlichen Inputs wie Saatgut und Düngemitteln ebenso erschwert wie die Vermarktung der lokalen Agrarproduktion, die neben den Erzeugnissen der genannten WSK auch die Grundnahrungsmittel Reis und Maniok umfasst. Entsprechend niedrig sind die erzielbaren Marktpreise, wobei sogar für die wertvolle Vanille wegen fehlender Konkurrenz unter den AufkäuferInnen nur geringe Erlöse erzielt werden können. Der mehrheitlich extrem armen Bevölkerung fehlen zudem die Betriebsmittel, um ihre Erzeugnisse, selbst im Falle eines verbesserten Marktzugangs, weiterverarbeiten und entsprechend höhere Einkommen erzielen zu können.

PrAda unterstützt Bäuerinnen und Bauern im Rahmen der genannten neun WSK durch Feldschulen, in denen praktische Tipps für den Anbau gemeinsam umgesetzt werden, um anschließend die Erfahrungen individuell auf den eigenen Feldern und in den Gärten einsetzen zu können. Die Teilnahme an Farmer Business Schools (FBS) soll zudem Bäuerinnen und Bauern dabei unterstützen, die landwirtschaftliche Praxis im gesamten Produktionszyklus an die sich verändernden klimatischen Bedingungen anzupassen und über einen nachhaltigen Anbau die Produktivität zu erhöhen. Dies beginnt bei der Notwendigkeit von boden- und wasserschützenden Maßnahmen und reicht bis zu verbesserten Kulturtechniken und der Verwendung von gutem Saatgut und Düngemitteln. Die Anpassungen beinhalten ferner je nach Anbauprodukt z.B. Mulchen zum Erhalt der Bodenfeuchtigkeit, bei Vanille die optimale Beschattung der Pflanzen, die Selbstorganisation in Produktions- und Vermarktungsgruppen zur Stärkung der Marktmacht der Betriebe und schließen auch einfache betriebswirtschaftliche Rechnungen mit ein. Die TeilnehmerInnen rechnen dabei erstmals zusammen, was sie für ihre Produktion ausgeben und was sie am Ende einnehmen. Damit versetzen sie sich in die Lage, das eigene Wirtschaften so anzupassen, dass sich am Ende die Nettoeinkommen erhöhen. Insgesamt besteht die FBS aus 12 Modulen.

Viele Aktivitäten des Projekts beziehen sich auf die Unterstützung der für die Produktion und vor allem die Vermarktung relevanten Strukturen. Dies schließt besonders die Stärkung von Genossenschaften ein, die wiederum die Produktionsgruppen zusammenfassen, die ihrerseits ihre Mitglieder fortbilden und den Verkauf ihrer landwirtschaftlichen Produkte unterstützen. Den größten Erfolg in diesem Kontext hat die Organisation der Erdnussbauern in der Provinz Androy erzielen können, der es gelungen ist, den Verkauf an HändlerInnen von bisher jeweils weniger als 1.000 kg Erdnüssen je Bäuerin oder Bauer zusammenzufassen, und einem nationalen Großaufkäufer 300 Tonnen Erdnüsse en bloque anbieten zu können. Dies konnte den erzielten Preis im Vergleich zum Einzelverkauf um bemerkenswerte 50% erhöhen.

Eine unausgegorene staatliche Politik bei Vanille, die höhere Export-Mindestpreise festschreibt, als der Weltmarkt hergibt und die auch Mindestpreise für den Ankauf grüner Vanille festlegt, welche die Aufkäufer nicht bezahlen können, zusammenfallend mit zu geringem Niederschlag während der Reifezeit der Schoten in einigen Distrikten, haben die WSK Vanille dagegen nicht so fördern können, wie ursprünglich erwartet. Zudem ist die Zone kein „klassisches“ Anbaugebiet für Vanille in Madagaskar. Durch die Einführung besserer Anbautechniken ist es allenfalls gelungen, die Erträge zu stabilisieren, nicht aber, die Einkommen substanziell zu steigern. Zudem sind die Dörfer zu arm, als dass die Vanille- Betriebe in der Lage wären, die Verarbeitung der grünen „Roh“vanille zu marktfähiger schwarzer Vanille selbst durchzuführen. Auch bei der WSK Honig gab es in einigen Regionen Rückschläge, weil hier eine tödliche Milbe ganze Bienenschwärme befallen hat. Dies musste um so frustrierender für viele Familien sein, da sich der Honigertrag gerade erst durch technische Verbesserungen mit Hilfe von PrAda vervielfacht hatte.

Eine große Hilfe in einer Zeit großer Rückschritte bei der Küstenfischerei wegen zunehmender starker Winde in Folge des Klimawandels ist die durch PrAda geförderte Wettervorhersage. Dreimal in der Woche erhalten Kontaktleute in zahlreichen Fischerdörfern per Mobiltelefon die Wetterprognosen für die kommenden zwei bis drei Tage. An den Bootsanlegestellen am Strand werden über Piktogramm-Tafeln auch die vielen Analphabeten unter den Fischern darüber informiert, was an Wind oder gar Sturm zu erwarten ist. So wird deutlich, ob die Ausfahrt ohne Gefahr möglich sein wird. Dies habe, so die VertreterInnen der Fischerunion von Fort Dauphin, geholfen, Menschenleben zu retten. Allerdings kann die Wettervorhersage nicht verhindern, dass die Fischer wegen zu starker Winde, die von Jahr zu Jahr an Intensität zunehmen, an immer weniger Tagen im Monat hinausfahren können und ihre Einkommen dadurch immer geringer werden.

PrAda erprobt seit zwei Jahren auch die Verbreitung von Versicherungen gegen Folgeschäden von negativen Wetterereignissen für die Landwirtschaft (d.h. Dürren, aber auch Überschwemmungen). In der Saison 2020/2021 konnte so einer Reihe von Bäuerinnen und Bauern, die in Folge lokaler Dürre gerade einmal die Menge an Erdnüssen ernten konnten, die sie ausgesät hatten, ein Teil ihrer Verluste erstattet werden.

Bei den auf den Ergebnissen der Studie ausgearbeiteten Empfehlungen rangiert an erster Stelle die dringliche Aufforderung an die deutsche staatliche EZ und letztendlich an alle anderen staatlichen wie nichtstaatlichen Entwicklungsmaßnahmen im landwirtschaftlichen Bereich im Süden Madagaskars, die Bevölkerung mit allen verfügbaren Mitteln zu einer Kehrtwende bei der Abholzung zu bewegen, dies mit Rat zu unterstützen und ihnen darüber hinaus eine materielle Alternative anzubieten. Denn wird die Entwaldung an den Hängen und die Zerstörung der letzten Bäume auf den Feldern nicht schnell beendet, hat selbst eine nur subsistenzdeckende Landwirtschaft wegen voranschreitender Erosion, dadurch bedingter Desertifikation, dramatischer Veränderungen bei den Niederschlägen und entsprechend jährlich sich verstärkendem Wassermangel keine Zukunft.

Nur wenige Empfehlungen betreffen die insgesamt sehr erfolgreiche WSK-Förderung. So sollte das Vorhaben z.B. dazu beitragen, ein durch Milbenbefall verursachtes Bienensterben einzudämmen oder gar zu beenden. Damit würde nicht nur dem Niedergang der Imkerei in einigen Zonen ein Ende bereitet, sondern das sehr große Potential der verbesserten Bienenhaltung genutzt werden können, dass einen bis zu zwanzigfachen Ertrag im Vergleich mit der traditionellen Honigproduktion erzielen und damit zu erheblichen Einkommenssteigerungen beitragen kann.

Hinsichtlich der Klimarisikoversicherungen kommt die Studie zu der Schlussfolgerung, dass die überwiegend kleinbäuerlichen Betriebe, gerade während der „Mangelzeit“ vor der nächsten Aussaat, in der sie bereits kaum Geld für die Inputversorgung (Saatgut und Düngemittel) haben, noch weniger Mittel für eine Klimaversicherung aufbringen können. Deshalb wird empfohlen, die Zahlungsmodalitäten an die Einkommensflüsse anzupassen und vor allem persönliche Klimaversicherungen für sehr arme Bäuerinnen und Bauern zu subventionieren. Zudem müssen die Indizes für die Versicherungsschäden sehr kleinräumig festgelegt werden, da Niederschläge ihrerseits zunehmend kleinräumig auftreten, also ein Distrikt mit Dürre zu kämpfen hat, während schon im Nachbardistrikt hinreichend Regen fällt.

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