Die Situation der Agrarfinanzierung in Benin : Bedarf, Herausforderungen und Akteure.
Trotz eines bemerkenswerten Wirtschaftswachstums in den letzten Jahren, das die Afrikanische Entwicklungsbank u.a. auf Reformen im Landwirtschaftssektor zurückführt, herrscht in Benin noch immer Armut in weiten Teilen der Bevölkerung, und dies besonders in ländlichen Gebieten. Zudem haben ärmere Haushalte ein zehnmal höheres Risiko, ernährungsunsicher zu sein als andere. Auch weiblich geführte Haushalte haben ein höheres Risiko auf Ernährungsunsicherheit, während sich der zunehmende Bildungsgrad des Haushaltsvorstands positiv auf die Ernährung auswirkt. 45% der ländlichen Haushalte sind vulnerabel und können jederzeit in die Ernährungsunsicherheit abrutschen. Ein Großteil der beninischen Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft, die sich allerdings durch eine geringe Produktivität auszeichnet. Die Gründe dafür liegen unter anderem im schwierigen Zugang zu landwirtschaftlichen Inputs und Land, den vielfach ausgelaugten Böden, dem absoluten Kahlschlag v.a. im Bereich der Baumwollproduktion, im geringen Grad von Mechanisierung und einer ungenügenden und nicht angepassten Finanzierung des landwirtschaftlichen Sektors. Dies resultiert auch darin, dass nur 6,9% der landwirtschaftlichen Betriebe Zugang zu Krediten haben und der größte Teil aller Kredite, einschließlich der von gebergeförderten Institutionen bereitgestellten Gelder, eher in kurzfristige Handelsgeschäfte statt in die Landwirtschaft fließt. Auch wurde die landwirtschaftliche Beratung durch den Staat nahezu eingestellt. Formelle Finanzdienstleistungen werden in Benin von derzeit 15, bzw. unter Einberechnung der Zentralbank 17, Banken und 56 registrierten und in einer Assoziation als Pflichtmitglieder gelisteten Mikrofinanzinstitutionen (MFI) erbracht. Allein letztere sind mit über 700 Filialen im Land vertreten. Daneben agiert eine große Zahl von nicht registrierten privaten GeldverleiherInnen. Trotz der relativ hohen Dichte gerade der MFI überall im Lande, ist es für kleine und mittlere Unternehmen sowie für Kleinbauern und Kleinbäuerinnen schwierig, einen Kredit zu erlangen. Von den MFI sind - wie z.B. der Name des mit Abstand größten Akteurs, der FECECAM, explizit im Namen ausdrückt (Faîtière des Caisses d’Epargne et de Crédit Agricole Mutuel du Bénin) -, viele zunächst fokussiert auf die Agrarförderung gegründet worden. In der Praxis wird aber dieser eher aufwändige Kreditbereich fast bei allen MFI durch die Vergabe vor allem von Handelskrediten übertroffen, sowohl was die Zahl wie auch das Kreditvolumen insgesamt betrifft. Die meisten der Banken in Benin schließen eine Kreditvergabe im Agrarbereich nicht explizit aus, sind aber bei der Vergabe von Agrarkrediten offenkundig noch zurückhaltender als die MFI. Der Begriff „Mikro“kredit bezieht sich in der Beniner Banken- und MFI-Praxis nicht auf eine bestimmte Obergrenze von Darlehen, sondern ist zunächst verwandt worden als ein Terminus für Kredite, die in vereinfachtem Verfahren Individuen oder Gruppen von Personen zugänglich gemacht werden sollten, die ansonsten kaum eine Chance gehabt hätten, an einen formellen Kredit heranzukommen. Die Kreditdauer umfasst nach Angaben der MFI und Banken Zeiträume zwischen sechs Monaten (bei einigen MFI auch drei Monaten) und in der Regel bis 36 Monaten oder, vor allem bei Investitionen in Betriebsmittel (in der Landwirtschaft z.B. Schlepper), in seltenen Fällen auch 60 Monaten. Unsere Haushaltsbefragung ergab eine durchschnittliche Laufzeit von 12 Monaten mit Rückzahlung der Kredite für gewöhnlich in einer Einmalzahlung am Ende der Laufzeit bei landwirtschaftlichen Krediten und eher monatlichen Raten bei Handels- oder Geschäftskrediten. Die Kredittilgung erfolgt linear mit „degressiven“ Zinsen, wobei bei vielen Verträgen auch Sonderzahlungen innerhalb der Laufzeit erlaubt sind. Auch lassen viele Verträge eine generelle Vorfälligkeit zu. Beides stellt eine „gute Praxis“ im Kreditwesen dar. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit (EZ) versucht, diese Situation vor allem mit zwei Vorhaben zu verbessern. Dies sind das von der GIZ geförderte Globalvorhaben „Förderung der Agrarfinanzierung für agrarbasierte Unternehmen im ländlichen Raum“ (ProFinA), welches KreditnehmerInnen und MFI / Banken zusammenbringen möchte und beide Seiten für die Nutzung von Agrarkrediten fortbildet, sowie das von der KfW geförderte Vorhaben Ländliche Finanzierung FECECAM, welches Agrarkredite zur Verfügung stellt und die FECECAM und ihre lokalen Filialen (CLCAM) für die Beurteilung von Anträgen für landwirtschaftliche Kredite fortbildet. Im Oktober / November 2022 erforschte ein AVE-Team mit zwei deutschen ForscherInnen, zwei lokalen GutachterInnen und sechs beninischen InterviewerInnen mit einer quantitativen Studie in sechs Départments und darin 24 Dörfern, ergänzt durch qualitative Erhebungsmethoden, die Bedarfe, Angebote und Herausforderungen von landwirtschaftlichen Krediten in Benin. In den von Armut und kleinbäuerlichen Strukturen geprägten Dörfern ist der Bedarf an Kapital zur Finanzierung der landwirtschaftlichen Anbausaison sehr hoch. Mehr als 80% der DorfbewohnerInnen leben primär von der Landwirtschaft. Sekundäre Einkommensquellen sind vor allem Handel und die Verarbeitung von Nahrungsmitteln. Geld wird nicht nur für Saatgut und Düngemittel benötigt, sondern auch für Arbeitskräfte, die Miete von Landmaschinen zur Bearbeitung des Bodens sowie für Investitionen in eigene Mechanisierung, Diversifizierung und Intensivierung des Anbaus, z.B. durch Bewässerung und boden- und wasserschützende Maßnahmen. Eine weit verbreitete Form des Sparens und auch der Kreditnahme ist vor allem für Frauen, aber auch für hauptsächlich jüngere Männer, die tontine. In der tontine organisieren sich Menschen, die eine soziale Beziehung zueinander haben, um gemeinsam Geld beiseitezulegen. In einem rotierenden Verfahren wird das so gesparte Geld in regelmäßigen Abständen jeweils einer Person aus der Gruppe zur Verfügung gestellt. Im Vergleich dazu fordern MFI häufig, dass sich die Bauern und Bäuerinnen, die einen Kredit bei ihnen beantragen möchten, in Gruppen organisieren, um gegenseitig füreinander im Falle von Rückzahlungsschwierigkeiten zu bürgen. Dies ermöglicht Menschen, die keine Sicherheiten bieten können, Kredite aufzunehmen, zwingt sie aber auch in eine verantwortungsvolle Zweckgemeinschaft, die sie sonst niemals miteinander eingehen würden. Land als Kreditsicherheit spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle, da Banken und MFI lediglich offiziell registrierte Landtitel als Sicherheit akzeptieren und nur eine kleine Minderheit der Bauern und Bäuerinnen über einen solchen verfügen. Generell herrscht bei der ländlichen Bevölkerung ein großes Unwissen über die Möglichkeiten, Kredite bei Finanzdienstleistern (FD) aufzunehmen. Auch gibt es Berührungsängste den Banken und MFI gegenüber, die zum Teil aus Unkenntnis über deren Angebote und Konditionen, aber auch aus negativen Erfahrungen herrühren. Von der Gesamtheit der 1333 befragten Haushalte gaben immerhin 33,5% an, in den letzten fünf Jahren einen Kredit aufgenommen zu haben. Derzeit einen aktiven Kredit haben allerdings nur 197 Haushalte (14,8%), womit die Zahlen in unserer Untersuchung über den nationalen Zahlen liegen, die nur 6,9% der landwirtschaftlichen Betriebe Zugang zu Krediten bescheinigen. Die überwiegende Mehrheit der Kredite wurde für landwirtschaftliche Betriebsmittel wie Saatgut und Düngemittel beantragt und auch ausgegeben. Nur ein kleiner Teil dieser Kredite floss jedoch nach Aussagen der KreditnehmerInnen in Investitionen in Handelstätigkeit und anderes. Die Laufzeit beträgt in der Regel 12 Monate und der Kredit muss am Ende der Laufzeit als Einmalzahlung rückgezahlt werden. Abweichungen davon gelten hauptsächlich für kleinere Geschäftskredite mit kürzeren Laufzeiten und monatlicher Rückzahlung. Von den 197 KreditnehmerInnen beantragten 45 Personen zwischen 100.000 und 200.000 FCFA, 48 Personen zwischen 200.000 und 500.000 FCFA. 47,7% der KreditnehmerInnen bescheinigten den Krediten in der Mehrheit eine positive bis sehr positive Wirkung, 48,7%% immerhin einen leicht positiven bis neutralen Nutzen. Diejenigen Bauern, Bäuerinnen und FD, die mit den Projekten der deutschen EZ direkt oder indirekt zusammenarbeiten, bescheinigen den Projektmaßnahmen großen Nutzen. Die FD geben an, Fortbildungen zu Landwirtschaft und Musterrechnungen an die Hand bekommen zu haben, mit denen sie Anträge für Agrarkredite nun besser bewerten könnten. Auch von Seiten der Bauern und Bäuerinnen, die an Fortbildungen teilgenommen haben, wird ein großer Nutzen der Maßnahmen bekundet. Zudem mindert die Anwendung von agrarökologischen Maßnahmen bei der Bodenbearbeitung, wie sie u.a. vom GIZ- Vorhaben ProSOL propagiert werden, das Risiko für Missernten, die die Rückzahlung der Kredite gefährden, erheblich. Auch wenn eine Untersuchung der EZ-Vorhaben nicht im Mittelpunkt der Studie stand, so können doch ein paar Empfehlungen für die bessere Erreichung von kleinbäuerlichen Betrieben und deren Unterstützung ausgesprochen werden. So sollte von einer auf Sicherheiten beruhenden Kreditvergabe hin zu Cashflow-basierten Darlehen umgeschwenkt werden. Zudem ist die finanzielle Aufklärung (financial literacy) möglichst breiter Teile der Bevölkerung unabdingbar, um Berührungsängste zu nehmen und gleichzeitig die Position zu stärken, um finanzielles Wissen zu vermitteln und um leider verbreitetem betrügerischem Handeln vorzubeugen. Die Verarbeitung von Nahrungsmitteln und deren Wertsteigerung ist eine wichtige Einnahmequelle für die bäuerliche Bevölkerung, insbesondere für Frauen. Die Unterstützung der unterschiedlichen Wertschöpfungsketten sollte sich dabei nicht nur auf die der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereiche im engeren Sinne erstrecken, sondern zum einen Finanzierungsmöglichkeiten und zum anderen auch die Bereitstellung notwendiger Infrastruktur wie Wasser, Elektrizität und Straßen oder auch Räumlichkeiten einbeziehen, die diese Tätigkeiten noch lukrativer machen kann.
