Schulspeisung in Benin : Akteure, Fortschritte und Herausforderungen
Trotz eines bemerkenswerten Wirtschaftswachstums in den letzten Jahren, das die Afrikanische Entwicklungsbank u.a. auf Reformen im Landwirtschaftssektor zurückführt, herrscht in Benin noch immer Armut in weiten Teilen der Bevölkerung, und dies besonders in ländlichen Gebieten und in den nördlichen Départements des Landes. Zudem haben ärmere Haushalte ein zehnmal höheres Risiko, ernährungsunsicher zu sein als andere. Auch weiblich geführte Haushalte haben ein höheres Risiko auf Ernährungsunsicherheit, während sich der zunehmende Bildungsgrad des Haushaltsvorstands positiv auf die Ernährung auswirkt. 45% der ländlichen Haushalte sind vulnerabel und können jederzeit in die Ernährungsunsicherheit abrutschen. Nicht nur die generelle Verfügbarkeit von Nahrung ist in Benin ein Problem, sondern auch die nahrungsphysiologisch unzureichende Zusammensetzung der vielen Familien zur Verfügung stehenden Lebensmittel. Eine Folge des zu engen Nahrungsmittelspektrums ist Eisenmangel vor allem bei Kindern und Frauen. In diesem Kontext ist die Einführung der Schulspeisung in Benin als ein Beitrag zur sozialen Sicherung gedacht. Die bisher in Schulspeisungsmaßnahmen einbezogenen Schulbereiche betreffen die staatlichen Vorschulen (enseignement maternel), bestehend aus zwei Klassen, und die Grundschule (éducation des basse scolaire 1 oder enseignement primaire), die sechs Jahre umfasst (CI, CP, CE1, CE2, CM1, CM2) und ab einem Mindestalter von fünf Jahren einsetzt. Schulspeisung in Benin begann im Jahre 1958 mit CATHWEL, aus dem später CRS (Catholic Relief Services) wurde. Das Welternährungsprogramm (WFP) begann seine Tätigkeit in Benin im Jahr 1967 mit der Ernährung von Kindern aus Grundschulen in benachteiligten Gebieten und Waisenhäusern. Beide Organisationen unterstützten die am stärksten benachteiligten Gemeinden und leisteten Nahrungsmittelhilfe im Falle von Natur- und anderen Katastrophen. Die Präsidentschaftswahlen 2016 führten zur Einsetzung einer neuen Regierung, die den Bildungssektor und insbesondere die Schulspeisung fördert. Vor diesem Hintergrund wurde das Nationale Integrierte Schulspeisungsprogramm, das Programme National d’Alimentation Scolaire Intégré (PNASI) ins Leben gerufen, das in einem sektorübergreifenden Ansatz u.a. die Ministerien für Bildung, Landwirtschaft und Gesundheit einbezieht. Die Implementierung des PNASI wurde dem WFP anvertraut, das zur Umsetzung des Programms mit lokalen NRO zusammenarbeitet. Das Ziel der Regierung mit dem PNASI besteht darin, 100 % der Schulen abzudecken, die Funktionsweise der Schulspeisung zu harmonisieren und alle anderen Formen von Schulkantinen zu integrieren. Von 1.574 Schulen ist das Programm in weniger als zwei Jahren auf derzeit etwa 5.500 Schulen mit Schulspeisung angewachsen, womit 75% der staatlichen Grundschulen in Benin abgedeckt sind. Erklärtes Ziel ist zwar, die Lebensmittel lokal zu beschaffen, jedoch ist Benin bei dem rasanten Anstieg der Zahl der Schulen noch weit davon entfernt. Lediglich Mais und Bohnen werden vom WFP zunehmend von beninischen ProduzentInnen gekauft, während Reis, Öl und Salz größtenteils im Ausland beschafft werden. Im Juni 2023 führte ein Team des INEF gemeinsam mit zwei beninischen Fachkräften eine qualitative Studie in 16 Schulen in sieben Départements durch, um sich von der Durchführung, den Akteuren und Herausforderungen der Schulspeisung vor Ort ein Bild zu machen. Die kleinste der erfassten Schulen hatte 135 SchülerInnen, die größte 601 Kinder, wobei sich die Anzahl der Jungen und Mädchen in den Schulen in etwa die Waage hielt. Eine Versorgung mit Elektrizität konnten nur die wenigsten der besuchten Schulen aufweisen, ebenso war die Versorgung mit sanitären Anlagen und vor allem Wasser unzureichend, wobei Wasser zum Trinken, für die Nahrungszubereitung, das Spülen des Geschirrs, Hände waschen und die Bewässerung der vielfach vorhandenen Schulgärten benötigt wird. An jeder Schule steuern verschiedene Elternkomitees die Organisation der Schulspeisung und dabei vor allem den Betrieb der Küche und die Beschaffung der Saucenzutaten. Die Komitees rekrutieren Köchinnen und setzen den Betrag fest, der pro Schulkind pro Schultag von dessen Eltern als Gebühr bezahlt werden muss: 25 oder 50 FCFA. Um zusätzliche Mittel für die Schulspeisung zu generieren, werden häufig Schulgärten angelegt, gemeinsame Felder bewirtschaftet oder andere einkommenschaffende Maßnahmen wie die Produktion von Palmöl oder Seife oder auch Tierzucht durchgeführt. Vielfach sind Frauen mit diesen Aktivitäten betraut. Die Köchinnen klagten häufig über zu viel Arbeit für eine zu geringe Entlohnung, die „Motivation“ genannt wird. Bisweilen müssen sie den Küchendienst in gesundheitsgefährdenden, geschlossenen Küchengebäuden bei offenen, stark rauchenden Herden verrichten. Die meisten der angetroffenen Herde sind mit Lehm umkleidete energiesparende Herde, es wurden aber auch traditionelle Drei-Steine-Feuer genutzt, die einen hohen Bedarf an Feuerholz haben. Innovative Ansätze wie palmkern- oder biogasbetriebene Herde waren nur selten zu beobachten, zudem waren diese Anlagen nicht immer funktionsfähig. Eine gut funktionierende Logistik sorgt dafür, dass ausreichend Nahrungsmittel in den WFP-Lagerhäusern vorhanden sind und zum richtigen Zeitpunkt an die richtigen Schulen geliefert werden. In den Schulen werden die Lebensmittel teils in eigens dafür errichteten Räumen, teils im Büro des Schuldirektors / der Schuldirektorin und teils auch in dafür bereitgestellten Räumlichkeiten im Dorf gelagert. Die verschiedenen Akteure der Schulspeisungsprogramme wurden nach ihrer Einschätzung zu den Wirkungen der Schulspeisung befragt. Die Eltern der SchülerInnen hoben an fast jeder der besuchten Schulen hervor, dass die täglichen Mahlzeiten in der Schule vor allem den Müttern die Freiheit geben würden, den Tag auf dem Feld, auf dem Markt oder mit einer einkommenschaffenden Tätigkeit zu verbringen, statt mittags Zuhause sein zu müssen, um den Kindern ein Essen zu servieren. Vor allem in der Zeit vor der nächsten Ernte, wo Nahrung in armen Familien knapp wird, ist die Schulspeisung eine große Hilfe bei der Ernährung der Kinder, die zudem durch das regelmäßige Schulessen besser lernen und seltener den Unterricht versäumen würden. Auch Kinder von Familien, die den täglichen Beitrag für die Schulspeisung nicht zahlen können, werden nicht von den Mahlzeiten ausgeschlossen. Die Lehrkräfte bestätigen das konzentriertere Lernen der SchülerInnen zusammen mit generell gestiegenen Anmeldezahlen und weniger Dropouts. Mitglieder der befragten ProduzentInnenkooperativen begrüßten die Möglichkeit, trotz des zusätzlichen Aufwands zur Einhaltung der hohen Qualitätsstandards, ihre Feldfrüchte an das WFP zu guten Preisen verkaufen zu können, würden sich jedoch eine Verschlankung der administrativen Abläufe und eine raschere Abholung der Ernte wünschen. Einer Verbesserung bedürfen vor allem die Energiesituation, die auf längere Sicht zu erheblichen Umweltschäden führt, die unzureichende Bezahlung der Köchinnen und die Beschaffung der Zutaten für die Saucen, die gänzlich der Elternschaft überlassen wird. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass das staatliche Engagement für die Schulspeisung im Vergleich mit anderen Ländern Sub-Sahara Afrikas überdurchschnittlich hoch ist. Allerdings liegt trotz deutlicher Steigerungen der Anteil des staatlichen Budgets noch weit unter den ODA-Mitteln der Gebergemeinschaft und eine weitgehende Übernahme der Finanzierung durch die beninische Regierung ist noch nicht abzusehen.
