Schulspeisung mit lokaler Beschaffung in Äthiopien
Seit dem Schuljahr 2020/21 hat sich in Subsahara-Afrika neben vielen anderen Staaten das bevölkerungsreiche Äthiopien nicht nur entschlossen, eine generelle Schulspeisung landesweit zumindest in den ersten vier Klassen der Grundschule flächendeckend anzubieten, sondern dabei der lokalen Beschaffung der benötigten Lebensmittel (home grown in der Sprache des Welternährungsprogramms WFP), besonderes Gewicht zu verleihen. Die Bedeutung der Schulspeisung (school feeding) hat insbesondere durch COVID-19 in vielen nationalen Sozialprogrammen erkennbar zugenommen, denn allein auf dem afrikanischen Kontinent mussten wegen der Pandemie rund 50 Millionen SchülerInnen ihren Schulbesuch mehr oder weniger lange unterbrechen. Eine Vielzahl dieser Kinder durfte unter dem Druck der Familien zudem nicht wieder zurück in die Schulen. Durch die Schulspeisung wird deshalb versucht, Eltern und SchülerInnen ein lukratives Angebot vorzulegen, um diesen Schulabbruch (Dropout) rückgängig zu machen bzw. extrem arme Familien zu motivieren, ihre Kinder überhaupt einschulen zu lassen. Zudem bestätigen neuere Studien u.a. für Länder mit geringem und mittlerem Einkommen, dass regelmäßig angebotene Schulspeisung nicht nur Einschulung und Schulbesuch fördert, sondern hierdurch auch ein nicht unerheblicher positiver Effekt hinsichtlich der Gewichtzunahme von Heranwachsenden zu beobachten ist und damit durch Schulspeisung auch Unter- bzw. Fehlernährung zurückgedrängt werden können. Die Studien bestätigen auch positive Effekte auf die Lernsituation und den Lernerfolg der an den Speiseprogrammen beteiligten Schulkinder. Schulspeisung vor allem in den Grundschulen erweist sich so zunehmend als ein wichtiger und wirkungsvoller Beitrag über den engeren Bildungsbereich hinaus zur Ernährungssicherung und zur sozialen Sicherung insgesamt. Dabei geht allein durch die Zunahme ihres Schulbesuchs und die Verlängerung der Verweildauer in der Schule auch ein positiver Effekt auf bislang im Bildungsbereich vielfach benachteiligter Mädchen aus. In Äthiopien gehen erste Beiträge zur Schulspeisung bereits auf die 1970er Jahre zurück, blieben aber bis vor wenigen Jahren projektgebunden und, von der Hauptstadt Addis Ababa abgesehen, auf einzelne Schulen in besonders von Armut und / oder Dürren betroffene Gebiete beschränkt. Seit dem Schuljahr 2020/2021 haben die nationale Regierung wie auch die Regierungen der Bundesländer die Schulspeisung zu einer allgemeinen staatlichen Aufgabe erklärt und für alle Grundschulen in öffentlicher Hand eingeführt. Dabei kommt es z.B. in Addis Ababa zu einer im nationalen Vergleich sehr großzügigen Förderung aus dem hauptstädtischen Budget. Allein hier wird derzeit für 700.000 Schulkinder einmal am Tag eine warme Speise ausgegeben. Landesweit wurden 2023 von der öffentlichen Hand 85 Mio. US$ für die Schulspeisung (SSp) bereitgestellt. Allerdings beteiligen sich die einzelnen Bundesstaaten Äthiopiens zu unterschiedlichem Umfang an den Kosten. Während in Addis Ababa die Kosten fast vollständig vom Staat getragen werden, ist in Oromia einerseits der Staat zwar direkt mit Geldmitteln beteiligt, der überwiegende Teil der Kosten wird jedoch hier durch ein landesweit aktives Hilfswerk, die Busa Gonofaa, in Form von Sach- und Geldspenden sowie durch die Schulen selbst (z.B. aus den Einkünften von verpachtetem Ackerland) getragen. Weiterhin sind auch internationale Geber an den Kosten beteiligt, so die Global Partnership for Education, die in mehreren Bundesstaaten, z.B. auch im in diese Studien einbezogenen Sidama, über die I-NRO Save the Children zahlreiche Schulen durch die Belieferung mit Grundnahrungsmitteln wie Mais, Weizenschrot, Speiseöl und jodiertem Salz sowie technischer Beratung unterstützt. Auch das World Food Programme unterstützt das nationale Schulspeisungsprogramm weiterhin sowohl finanziell wie auch durch technische Beratung. Mit dieser sehr starken Ausweitung der Schulspeisung gehört Äthiopien wie z.B. auch das westafrikanische Benin zu den Ländern, die mit der COVID-19-Pandemie besonders schnell und in großem Umfang ihre Schulspeisungsprojekte ausgeweitet und in landesweite und bis heute nahezu flächendeckende nationale Programme überführt haben. Dabei wird die bisher mehr oder weniger der internationalen Gebergemeinschaft überlassene Finanzierung der Maßnahmen erstmals durch stärkere Eigenleistungen im Rahmen der staatlichen Budgets bzw. im äthiopischen Kontext der Haushalte der Bundesländer ergänzt. Der Besuch im Rahmen dieser Studie von 10 Schulen, davon einer in Addis Ababa, vier in Oromia und fünf in Sidama hat gezeigt, dass die Schulspeisung tatsächlich funktioniert, jedoch auf sehr unterschiedlichem Niveau und weiterhin belastet durch Fehlen wichtiger Infrastruktur. So ist in weiten Teilen Äthiopiens Trinkwasser nur schwer verfügbar und viele Schulen haben nur über Wasserverkäufer Zugang zu diesem für die Schulspeisung essentiellen Grundbedarf. Auch ist die Finanzierung nur der absoluten Grundnahrungsmittel gesichert. Alles, was über die wenigen genannten Grundkomponenten der Schulverpflegung hinausgeht, muss von den Schulen bzw. den Elternorganisationen beschafft werden, zum kleineren Teil aus Schulgärten, sonst aus dem lokalen Handel und ist deshalb auf Kräuter, andere Gewürze, Zwiebeln, Knoblauch und vielleicht ein paar Bohnen beschränkt. Einen großen Teil der Schulbudgets muss zudem für den Ankauf von Feuerholz verwendet werden, wenngleich einige Schulen begonnen haben, eigene kleine Feuerholzplantagen anzulegen. Wichtig ist deshalb die Einführung verbesserter, d.h. energiesparender Herde, für die es auch aus der deutschen Technischen Zusammenarbeit bereits eine Reihe von Beiträgen gibt. Aber dabei müssen die Köchinnen überzeugt werden, die aus ihrer Sicht dadurch entstehende Mehrarbeit zu leisten. Denn ein weiteres Grundproblem der Schulspeisung in Äthiopien (wie in anderen Ländern unserer Untersuchung) ist die sehr schlechte, zum Teil nur symbolische Bezahlung der „freiwillig“ tätigen Köchinnen. Indem dies bis zu acht Stunden am Tag fast ohne Bezahlung tätig sind, haben sie kaum Zeit, Geld für die Familie zu verdienen. Entsprechend muss hier zügig gehandelt und eine Lösung für eine vernünftige Entlohnung gefunden werden. Immerhin werden die bisherigen Wirkungen der Schulspeisung als sehr positiv angegeben, vor allem ist der Schulbesuch von Jungen wie auch Mädchen deutlich angestiegen und im Gegensatz zu früher ist die vormalige Zahl der SchulabbrecherInnen fast auf null zurückgegangen. Außerdem sind die Eltern erleichtert, weil sie unabhängig von der materiellen Lage zu Hause heute sicher sein können, dass ihre (Schul)Kinder in der Woche einmal am Tag etwas Warmes zu essen bekommen. Die Studie wurde zwischen Februar und Mai 2023 von den beiden freien Mitarbeitern des INEF, Prof. Dr. Frank Bliss (Entwicklungsethnologe und Teamleiter), und Tamene Hailegiorgis Gutema (freier Gutachter), auf Grundlage von Sekundäranalysen, digitale Befragungen und einer dreiwöchigen Vor-Ort-Mission im März-April durchgeführt. Die Zwischenergebnisse konnten mit dem Direktor des speziell für die Schulspeisung in Äthiopien 2022 eingerichteten Direktorats der Bildungsministerium in Addis Ababa noch während der Vor-Ort-Studie im April 2023 besprochen werden.
