Bewertungskompetenz für nachhaltige Entwicklung im Kontext des Alltagskonsums : Konzeption und Erprobung eines Fragebogens zu systematischen Entscheidungsprozessen von Lehramtsstudierenden in der Biologie
Die Bewertungskompetenz, deren Förderung unter anderem dem naturwissenschaftlichen Unterricht obliegt, soll dazu befähigen, eigenständige Urteile und Entscheidungen im Hinblick auf die persönliche Lebensführung zu treffen, und dies im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung so, dass umwelt- und sozialgerechte sowie wirtschaftlich tragfähige Entwicklungen ermöglicht werden. Als zentraler Bereich der persönlichen Lebensführung mit hoher Relevanz für die nachhaltige Entwicklung, in dem ständig Entscheidungen getroffen werden müssen, präsentiert sich der Alltagskonsum als ein bedeutungsvolles Anwendungsgebiet dieser Kompetenz. Dieses Paradox, das sich aus dem Anspruch von BNE und den genannten Hürden ergibt, wirft die Frage auf, inwieweit Bewertungskompetenz überhaupt bei Entscheidungen im Alltagskonsum angewendet wird, und in welchem Maß dabei der Nachhaltigkeitsaspekt tatsächlich beachtet wird. Im Fokus dieser Arbeit steht konkret, inwieweit die einzelnen Teilprozesse einer systematischen Entscheidung (die prozedurale Komponente von Bewertungskompetenz) in den ausgewählten Konsumfeldern Ernährung, Kleidung und Mobilität angewandt werden. Für die Beantwortung wurden Studierende des Lehramts Biologie an der Universität Duisburg-Essen, die als eine zentrale Zielgruppe von BNE identifiziert wurden, mit einem für diesen Zweck selbst entwickelten Messinstrument zu ihrem Entscheidungsverhalten in den drei Konsumkategorien befragt. Der Fragebogen wurde auf Basis des Entscheidungsprozessmodells von Betsch und Haberstroh (2005), auf dem das Göttinger Modell der Bewertungskompetenz für nachhaltige Entwicklung aufbaut, entwickelt. Die generierten Ergebnisse sollten aufgrund einiger methodischer Einschränkungen mit Vorsicht interpretiert werden; insgesamt lässt sich jedoch der Trend ablesen, dass die Ziele der Bildung für nachhaltige Entwicklung bezüglich des bewussten, nachhaltigen Handelns in der Zielgruppe der jungen Menschen und zukünftigen Lehrenden nur bedingt in der Realität des Alltagskonsums abgebildet sind. Dies zeigt sich daran, dass in allen der ausgewählten Konsumkategorien lediglich mittlere Zustimmungswerte zu systematischem Entscheidungsverhalten erzielt werden konnten. Dabei unterscheidet sich die Ausprägung der einzelnen Teilprozesse durchaus. Auch zwischen den Konsumfeldern bestehen zum Teil leichte Unterschiede. Die Werte für alle gemessenen Skalen verringert sich außerdem signifikant, wenn zusätzlich die Berücksichtigung des Nachhaltigkeitsaspektes im Entscheidungsprozess abgefragt wird, sodass davon ausgegangen werden kann, dass eine Bewertung im tatsächlichen Sinne nachhaltiger Entwicklung nur selten erfolgt.
Bewertungskompetenz zeichnet sich nach Modellen der naturwissenschaftsdidaktischen Forschung durch ein systematisches, also kognitiv anspruchsvolles Entscheidungsverfahren aus. Unter handlungsentlasteten Bedingungen wie in Unterrichtssituationen können komplexe Abwägungsprozesse vorgenommen werden. Im Alltag herrscht dagegen eine Vielzahl von Einschränkungen wie knappe zeitliche, materielle und auch kognitive Ressourcen vor und es wird beobachtet, dass der Konsum vieler Güter tendenziell habitualisiert abläuft.