Die Interferenz von experimentell induziertem Schmerz und der Hirnleistungsfähigkeit bei chronischen Migränepatienten im Vergleich zu gesunden Kontrollprobanden
Schmerzen weisen auf eine potenzielle Gefahr für den Körper hin und bewirken zur Alarmierung eine Aufmerksamkeitsverlagerung hin zum Schmerz, wodurch kognitive Prozesse beeinträchtigt werden können. Dieses Phänomen wird in der Literatur als Störfunktion von Schmerz diskutiert, die vor allem für Schmerzpatienten höchst relevant sein kann.
Ziel der dieser Dissertation zugrundeliegenden Studie war es, mithilfe experimentell induzierter elektrischer Schmerzreize zu untersuchen, inwieweit die kognitive Leistungsfähigkeit bei gleichzeitiger Schmerzstimulation, insbesondere bei chronischen Schmerzpatienten, beeinträchtigt wird und welche Faktoren hierbei modulierend wirken.
Analysiert wurden die Daten von 55 chronischen Migränepatienten und 59 gesunden Kontrollprobanden. Die Probanden absolvierten eine Kategorisierungsaufgabe, die die Einordnung neutraler Bilder in die Kategorien „belebt“ oder „unbelebt“ bei gleichzeitiger Schmerzstimulation forderte, gefolgt von einer nicht angekündigten Wiedererkennungsaufgabe ohne Schmerzstimulation. Beurteilt wurden die Leistungen beim Enkodieren der Bilder (anhand der Reaktionszeiten) sowie beim Wiedererkennen (anhand der Parameter d‘, Recollection, Familiarity) sowohl im Gruppenvergleich als auch im Vergleich der drei Experimentalbedingungen (Schmerz an der Stirn/am Rücken, kein Schmerz).
Die Auswertung des Schmerzexperiments zeigt, dass die chronischen Migränepatienten entgegen der Annahme keine größere Störfunktion aufwiesen als die gesunden Kontrollprobanden. Die elektrische Schmerzstimulation interferierte in beiden Gruppen gleichermaßen mit dem Enkodieren neutraler Bilder (verkürzte Reaktionszeiten) und beeinträchtigte die Wiedererkennungsleistung (d‘, Recollection, Familiarity). Der Ort der Schmerzstimulation, die Erwartung eines Störeffekts und die subjektive Leistungsbeeinträchtigung der Migränepatienten beeinflussten die reduzierte Wiedererkennungsleistung nicht. Es ergaben sich jedoch Hinweise auf Modulationen des Parameters Familiarity durch die Kopfschmerzintensität und des Parameters Recollection durch die Anzahl der Schmerztage. Diese vorläufigen Ergebnisse müssten in Folgestudien weiter untersucht werden.
Unter Verwendung experimenteller elektrischer Schmerzstimuli war die Störfunktion bei chronischen Migränepatienten nicht stärker ausgeprägt als bei gesunden Kontrollprobanden - trotz subjektiv berichteter und teils objektivierbarer kognitiver Defizite. Dies betont die Wichtigkeit, den Einfluss klinischer Schmerzen auf die kognitive Funktionsfähigkeit weiter zu untersuchen, um daraus Implikationen für die klinische Praxis abzuleiten.
Pain indicates a potential threat to the body and thus leads to a shift in attention towards the pain in order to alert, which can impair cognitive processes. In literature, this phenomenon is discussed as the interruptive function of pain which can be highly relevant, especially for pain patients.
The aim of the study underlying this dissertation was to investigate to which extent the performance in a cognitive task is impaired during concurrent pain stimulation using experimentally induced electrical pain stimuli, particularly in chronic pain patients, and which factors have a modulating effect.
Data of 55 chronic migraine patients and 59 healthy controls were analysed. All subjects performed a categorization task in which neutral images had to be ascribed to the categories “living” or “non-living” while undergoing pain stimulation, followed by a surprise recognition task without pain stimulation. Performance was assessed during the encoding of the images (based on reaction times) as well as during the recognition phase (based on the parameters d’, recollection and familiarity), both in the group comparison and in the comparison of the three experimental conditions (headpain/backpain/no pain).
The analysis of the pain experiment indicates that, contrary to the assumption, chronic migraine patients did not show a greater interruptive function than healthy controls. In both groups, electrical pain stimulation equally interfered with the encoding of neutral images (shortened reaction times) and impaired the recognition performance (d’, recollection, familiarity). The location of pain stimulation, the expectation of an interruptive effect or the subjective cognitive impairment of the migraine patients did not affect the reduced performance in the recognition task. However, there were indications of a modulatory effect of the headache intensity on the parameter familiarity and of the number of pain days on the parameter recollection. These preliminary results should be further investigated in follow-up studies.
Using experimental pain stimuli, the interruptive function was not more pronounced in chronic migraine patients than in healthy controls - despite subjectively reported and sometimes objectively measurable cognitive deficits. This emphasizes the importance of further investigating the influence of clinical pain on cognitive functioning in order to derive implications for clinical practice.