Sprachbildung im Sportunterricht der Grundschule – eine explorative Studie unter besonderer Berücksichtigung neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler

van de Sand, Sophie GND

In den letzten Jahren waren weltweit so viele Menschen auf der Flucht wie noch nie zuvor. Im Jahr 2018 verließen 70,8 Millionen Menschen aus verschiedenen Gründen ihre Heimatländer (United Nations High Commissioner of Refugees [UNHCR], 2019). Diese Ausmaße wurden und sind auch in Deutschland spürbar. Im Jahr 2016 stellten knapp 750.000 Menschen einen Asylantrag in Deutschland, was zu bislang unbekannten gesellschaftlichen Herausforderungen führte (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, 2017). Davon betroffen war auch das deutsche Schulsystem, denn die neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen unterliegen der Schulpflicht. Auf diese neue Dimension der Heterogenität durch SchülerInnen, die gänzlich ohne deutsche Sprachkenntnisse die Schulen besuchen, waren die Schulen und Lehrkräfte nur unzureichend vorbereitet. Denn obwohl Deutschland schon seit Jahrzehnten eine Migrationsgesellschaft ist, mangelt es in der Bildungspolitik an Konzepten zum Umgang mit Heterogenität und zur Beschulung von SchülerInnen, die Deutsch als Zweitsprache lernen und auch eine flächendeckende Verankerung dieser wenigen vorhandenen Konzepte in der Lehrerbildung fehlt (Krüger-Potratz, 2015). Dabei ist das Beherrschen der Sprache des Aufnahmelandes der entscheidende Schlüssel für SchülerInnen zum Bildungserfolg sowie zur Integration in die Gesellschaft (Esser, 2001; Lange, 2016). Diese Bedeutung der Sprache hat die Kultusministerkonferenz der Schulen bereits im Jahr 1996 erkannt, als sie forderte, dass der Erwerb bildungssprachlicher Kompetenzen als durchgängige Aufgabe aller Schulformen, Schulstufen und Fächer zu verstehen und zu organisieren sei (Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland [KMK], 2013). Die Programmatik hat Einzug in die Lehrpläne gefunden und zur Realisierung existieren für einige Fächer bereits Ausarbeitungen und Konzepte (Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, 2012). In der sportdidaktischen Literatur jedoch gibt es kaum Anknüpfungspunkte und eine vertiefte Auseinandersetzung zum Thema Sprachbildung im Sportunterricht steht noch aus. Demnach besteht das Ziel der vorliegenden Dissertation darin, in einer explorativen Studie Erkenntnisse zur Umsetzung eines sprachbildenden Sportunterrichts zu generieren und daraus ein entsprechendes Konzept zu entwickeln. Um dieses Vorhaben zu verwirklichen, wurden Interviews mit ExpertInnen geführt. Diese ExpertInnen zeichnen sich dadurch aus, dass sie vielfältige Praxiserfahrungen im Bereich der Sprachbildung im Sportunterricht gesammelt und dadurch eine hohe Expertise in der Thematik haben. Die Auswertung der Interviews erfolgte mithilfe der Inhaltsanalyse nach Mayring (2015). Auf Grundlage der Interviewaussagen konnte ein didaktisches Konzept für einen sprachbildenden Sportunterricht erstellt werden, das im Ergebnisteil der Dissertation ausführlich präsentiert wird. Dieses Konzept umfasst Ziele, Inhalte, Methoden sowie Gestaltungsmerkmale für einen sprachbildenden Sportunterricht. Es wird aufgezeigt, dass der Schwerpunkt im Bereich der Ziele auf der Förderung und Vertiefung des allgemeinen und insbesondere des Fachwortschatzes liegt. Hinsichtlich geeigneter Inhalte für einen sprachbildenden Sportunterricht wird in dem Konzept verdeutlicht, dass sich jedes Bewegungsfeld sprachsensibel umsetzen lässt, wenn eine intensive Beschäftigung bei der Ausarbeitung der Inhalte gegeben ist. Bei der methodischen Inszenierung bieten sich vor allem verbale und visuelle Maßnahmen an, um die Bildungssprache der SchülerInnen zu stärken. Beispiele für verbale Maßnahmen sind das Verhalten der Lehrkraft als Sprachvorbild, der Einsatz des Chorsprechens sowie die gezielte Gestaltung von Gesprächskreisen. Das Vormachen und die Nutzung von Materialien und Medien werden den visuellen Maßnahmen zugeordnet. Wichtige Gestaltungsmerkmale eines sprachbildenden Sportunterrichts stellen unter anderem ein lernförderliches Unterrichtsklima, eine gute Beziehungsarbeit und der geeignete Umgang mit Heterogenität dar. Um langfristig eine Umsetzung von Sprachbildung im Sportunterricht der Grundschulen zu gewährleisten, muss die Thematik stärker als bisher in der universitären sowie schulpraktischen Lehrerausbildung implementiert und Fortbildungsangebote für bereits tätige Lehrpersonen geschaffen werden. Literaturverzeichnis Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Das Bundesamt in Zahlen 2016. Asyl, Migration und Integration. Zugriff unter https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Statistik/BundesamtinZahlen/bundesamt-in-zahlen-2016.html;nn=282388. Esser, H. (2001). Integration und ethnische Schichtung. Arbeitspapiere. Krüger-Potratz, M. (2015). Migration als Herausforderung für Bildungspolitik. In R. Leiprecht & A. Steinbach (Hrsg.), Schule in der Migrationsgesellschaft. Ein Handbuch (Bd. 1, S. 93-142). Schwalbach/Tschechien: Debus Pädagogik Verlag. Lange, V. (2016). Flucht und Schule - Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Ergebnisse der Veranstaltung des Netzwerk Bildung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema "Flucht und Schule" am 09. März 2016 in Berlin. Berlin. Mayring, P. (2015). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (12., überarb. Aufl.). Weinheim: Beltz. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen. (2012). Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule in Nordrhein-Westfalen. Frechen: Ritterbach Verlag. Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.). (2013). Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 25.10.1996 i. d. F. vom 05.12.2013. United Nations High Commissioner of Refugees. Global Trends. Forced Displacement in 2018. Zugriff unter https://www.unhcr.org/dach/wp-content/uploads/sites/27/2019/06/2019-06-07-Global-Trends-2018.pdf.

In recent years, more people worldwide have fled than ever before. In 2018, 70.8 million people left their home countries for various reasons (UNHCR, 2019). These dimensions have been and are still being felt in Germany. In 2016, almost 750,000 people have filed an application for asylum in Germany, which led to previously unknown social challenges (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, 2017). The German school system was also affected by this because the newly immigrated children and adolescents are subject to compulsory education. Schools and teachers were insufficiently prepared for this new dimension of heterogeneity by schoolchildren, who attend schools without any knowledge of German. Because although Germany has been a migration society for decades, there is a lack of concepts in education policy for dealing with heterogeneity and for schooling pupils, who learn German as a second language. Also these few existing concepts are not widely implemented in teacher-training (Krüger-Potratz, 2015). But acquiring the language of the host country is the key factor for pupils to achieve educational performance and to integrate into society (Esser, 2001; Lange, 2016). The Standing Conference of the Ministers of Education and Cultural Affairs recognized this importance of academic language already back in 1996, when it demanded, that schools are required to organize academic language promotion as a constant task for all school types, school levels and subjects (KMK, 2013). This educational goal is widely implemented in curricula, discussed and analyzed in many research disciplines (Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, 2012). However, conceptual and empirical findings from the field of Physical Education (PE) are sparse. In the didactic literature of Physical Education there are hardly any starting-points and a deeper discussion on the topic of language promotion in Physical Education is still missing. Therefor the aim of the present dissertation is to generate knowledge in an exploratory study on the implementation of language promotion in Physical Education and to develop a corresponding concept. In order to achieve this, interviews with experts were carried out. These experts are characterized by the fact, that they have a wide range of practical experience in the area of language promotion in Physical Education and therefore have a high level of expertise in this field. The interviews were evaluated using Mayring's (2015) content analysis. On the basis of the interview statements, a didactic concept for language promotion in Physical Education has been created, which is presented in detail in the part of the results in the dissertation. This concept encompasses goals, content, methods and constitutive criteria for language promotion in Physical Education. It is shown, that the focus of the goals lies on the promotion and deepening of the general vocabulary and in particular of the terminology. Asking which content is suitable for language promotion in Physical Education, the concept points out, that every field of movement can be put into practice in a language-sensitive manner, if there is intensive work involved in developing the content. In terms of methodological staging, verbal and visual measures are particularly useful to strengthen the pupils’ language. Examples of verbal measures are the behavior of the teacher as a language model, the use of chorus speaking and the specific planning of discussion groups. The demonstration and use of materials and media are assigned to the visual measures. Important constitutive criteria of a language-based Physical Education include, among other things, a teaching environment, that promotes learning, good relationships between teacher and pupils and the appropriate handling of heterogeneity. To ensure long-term implementation of language promotion in Physical Education in primary schools, the topic must be established in university and practical school teacher-training stronger than before and further trainings for teachers, who are already working at schools, have to be developed. Bibliography Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Das Bundesamt in Zahlen 2016. Asyl, Migration und Integration. Zugriff unter https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Statistik/BundesamtinZahlen/bundesamt-in-zahlen-2016.html;nn=282388. Esser, H. (2001). Integration und ethnische Schichtung. Arbeitspapiere. Krüger-Potratz, M. (2015). Migration als Herausforderung für Bildungspolitik. In R. Leiprecht & A. Steinbach (Hrsg.), Schule in der Migrationsgesellschaft. Ein Handbuch (Bd. 1, S. 93-142). Schwalbach/Tschechien: Debus Pädagogik Verlag. Lange, V. (2016). Flucht und Schule - Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Ergebnisse der Veranstaltung des Netzwerk Bildung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema "Flucht und Schule" am 09. März 2016 in Berlin. Berlin. Mayring, P. (2015). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (12., überarb. Aufl.). Weinheim: Beltz. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen. (2012). Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule in Nordrhein-Westfalen. Frechen: Ritterbach Verlag. Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.). (2013). Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 25.10.1996 i. d. F. vom 05.12.2013. United Nations High Commissioner of Refugees. Global Trends. Forced Displacement in 2018. Zugriff unter https://www.unhcr.org/dach/wp-content/uploads/sites/27/2019/06/2019-06-07-Global-Trends-2018.pdf.

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van de Sand, S., 2020. Sprachbildung im Sportunterricht der Grundschule – eine explorative Studie unter besonderer Berücksichtigung neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler. https://doi.org/10.17185/duepublico/71841
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